Alles Zen

Von Birgit Kölgen

Jetzt weiß ich, warum das internationale, vorwiegend männliche Management so cool auf die Finanzkrise reagiert: Alles Zen-Buddhisten. Die regen sich nicht auf, die Jungs. Anders als wir Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs denken Schlipsträger nicht immer mehrere Sachen gleichzeitig: Läuft der Trockner? Hat die Katze Futter? Geht die westliche Zivilisation zugrunde? Die schalten ab. „Wenn du gehst, gehe! Wenn du sitzt, sitze", empfiehlt der alte Meister Yün-men auf der Website eines Zen-Seminar-Veranstalters. Und so sitzen sie – zum Beispiel am Flughafen.

Das durfte ich letzte Woche erleben, als mein Mann und ich wegen eines dringenden privaten Termins die Acht-Uhr-Zwanzig-Maschine von Stuttgart nach Düsseldorf nehmen wollten. Wollten. Nach hektischer Morgenfahrt über die Alb hatten wir längst eingecheckt und warteten auf das Boarding, als die Bodenstewardess im Ton einer ganz gewöhnlichen Durchsage mitteilte, dass der Flug um mindestens eine Stunde verschoben werde. „Der Grund ist, dass die Crew gestern Abend zu spät in Düsseldorf eingetroffen ist und wegen der vorgeschriebenen Ruhezeiten erst in diesen Minuten wieder von dort startet."

Wie bitte? Die schlafen sich aus, und wir bleiben hier sitzen? Die ganzen Schlipsträger mit ihren Zehn-Uhr-Konferenzen und ich? Erhob sich Empörung, Protest? Nein! Nichts dergleichen. Im Gegenteil: Ich möchte schwören, dass die Herren sich entspannten und noch ein Stück tiefer in die abgewetzten Wartesessel rutschten. Sah ich da nicht das eine oder andere Lächeln? Der Dicke gegenüber zückte das Handy und verkündete mit dem Ausdruck äußerster Zufriedenheit: „Du, vor Eins kann ich nicht da sein!"
In mir stieg leichte Panik auf. „Wir kommen zu spät, wir müssen uns beschweren", so jammerte ich. „Das bringt doch nichts", meinte mein Mann und zuckte mit den Schultern. Er ist eben einer von ihnen, ein Zen-Buddhist. Wenn du sitzt, sitze! Und lies endlich in Ruhe den Sportteil einer gewissen Boulevard-Zeitung, vergaß Meister Yün-men noch zu erwähnen. „Immer wieder Sorgen um Ballack – Warum ist er so oft verletzt?" Diese Schlagzeile interessierte die Herren mehr als die verpassten Termine.

Lediglich ein paar Business-Damen zappelten umher und zerquetschten ihre Kaffee-Pappbecher. Typisch. Die Männer hingegen waren vermutlich froh, dass sie einmal dasitzen durften, ohne dass die eigene Gattin wie einst bei Loriot dauernd fragt: „Hermann, was machst du?" „Nichts." „Nichts? Wieso nichts?" Dabei wollen nur wir Frauen immer was machen. Männer wollen dasitzen und nach der Lektüre des Sportteils ein paar Löcher in die Luft starren. Zen-Buddhisten eben. Nach anderthalb Stunden war der Flieger endlich starbereit. „Komm schon", so zerrte ich an meinen Mann. „Nun sei doch nicht so ungeduldig!" sagte der. Alter Yün-men, ich übe jetzt Zen.

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