Boutiquenzwang

Von Birgit Kölgen

Es soll ja Frauen geben, die das Einkaufen hassen. Kollegin C. zum Beispiel geht erklärtermaßen lieber mit dem Hund spazieren. Davon abgesehen, dass mein Kater bei der Mäusejagd keine menschliche Begleitung wünscht, würde ich wahrscheinlich noch im tiefen Wald eine Damenboutique finden. Denn ich werde von Boutiquen magisch angezogen – mit fatalen Folgen für mein Konto. Und deshalb gehe ich heute Abend auf keinen Fall mit meiner Freundin Karin zur Modenschau in dieses nette Geschäft, die sie an einem Kreisverkehr bei Bad Schachen entdeckt hat: „Ganz schöne Sachen haben die!" Ja, ja, Karin, das kenne ich schon! Am Ende bin ich es wieder, die einen stocksteifen dunkelblauen Blazer kauft („Der steht Ihnen!"), obwohl ich niemals blau trage. Alles schon geschehen, denn ich kann – im Gegensatz zu Karin – ganz schlecht widerstehen.

Erst letzten Samstag hatte sie mich zu einer vergleichenden Studie über lilafarbene Stiefelchen, die sie unbedingt noch einmal anprobieren wollte, in einen kleinen, aber teuren Laden gelockt – mit dem Ergebnis, dass nicht etwa Karin die lila Stiefel kaufte, sondern ich eine knallrote italienische Tasche für 345 Euro. Nun, ich mag die Farbe wirklich, aber streng genommen besitze ich bereits zwei rote Taschen. Nun ja, die eine war ein Schnäppchen. Schenke ich meiner Tochter. Und die andere, etwas teurer, ist so ein sportliches Modell mit Querriemen. Könnte ich noch brauchen, falls ich jemals mit dem Hund von Kollegin C. spazieren gehen sollte.

Aber jetzt habe ich Vertretungsdienst in der Redaktion, und dort kann man mit Ausnahme von gummiartigen Käsebrötchen aus dem Imbiss-Automaten zum Glück nichts konsumieren. Das allerdings führt bei mir zu gewissen Entzugserscheinungen. Gestern lief ich mittags um den Block und hätte in einem Schub von Einkaufslust fast ein paar übriggebliebene Flip-Flops vom Wühltisch eines Billig-Schuhladens gekauft. Aber das war wahrscheinlich nicht der richtige Kick. Vorige Woche hingegen hatte ich einen Termin in Ulm und überhaupt keine Zeit zum Shopping. Aber ich musste vor der Rückfahrt noch ganz schnell zum Geldautomaten neben dem Parkhaus – und was liegt da tückisch direkt gegenüber? Eine Damenboutique.

Mir genügten knappe fünf Minuten für einen Rundum-Check der Auslagen, und schon hatte ich etwas ausgesucht: eine modisch karierte Kuscheljacke für schlappe 199 Euro („Ganz süß!" flötete die Verkäuferin) mit eingesetzter Plastikkapuze: „Sehr aufwendig gemacht!" So eine Plastikkapuze steht aber nur 14-jährigen Gangster-Rappern, weshalb ich das Teil unverzüglich aus der Jacke entfernen ließ. Leider ist auch der karierte Kuschelstoff, wie ich später erkannte, zu einem großen Teil aus Plastik. Ich weiß nicht, ob das ein Lieblingsstück wird, und vielleicht sollte ich lieber mal mit meinem Kater auf Mäusejagd gehen als in die nächste Boutique.

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