Eher still

Von Birgit Kölgen

Kürzlich beschwerte sich eine Leserin, dass wir an dieser Stelle immer nur über das Leben verheirateter Menschen zu berichten hätten. „Es gibt auch Singles", bemerkte sie zu Recht. Tut mir leid, liebe (noch) alleinstehende Dame, aber ich habe nach einem halben Leben in festen Verhältnissen nahezu vergessen, wie das war, so ohne einen bestimmten Mann an meiner Seite. Eins steht allerdings fest: Es wurde mehr geredet. Jetzt ist es eher still. Ja, verehrte alleinstehende Dame, Sie meinen vielleicht, so eine Ehe sei ein langes perlendes Gespräch. Schließlich sind Herren, die sich für uns interessieren, zunächst keineswegs stumm. Im Gegenteil: Um uns zu erobern, zitieren sie zum Beispiel Rilke („Herr, es ist Zeit..."), erzählen sensible Geschichten aus ihrer Kindheit (wie sehr sie sich bunte Glasmurmeln gewünscht hätten) und fragen sogar nach den Befindlichkeiten der künftigen Schwiegermutter.

Das ändert sich mit den Jahren. Gern wird das abendliche Geplauder einer ziemlich gut gelaunten Gattin mit einem kurzen „Hmm" quittiert. Auch auf längeren Autofahrten, bei denen ich als erfahrene Ehefrau die Konversation gutwillig mit einem abwechslungsreichen Monolog eröffne, lassen die Antworten meines Mannes häufig literarisch zu wünschen übrig: „Hmm". Die Befindlichkeiten der Schwiegermutter werden keineswegs erörtert, sondern höchstens mit einem knappen „Das wissen wir doch!" kommentiert. Nicht mal der sensible Hinweis auf die Glasmurmeln seiner Kindheit kann ihm längere Ausführungen entlocken. „Ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren", meint er dann. Sitze ich aber am Steuer, höre ich vom Beifahrersitz bald ein süßes kleines Schnorcheln: Er macht ein Nickerchen. Schließlich muss er in bedeutenden Konferenzen schon mehr als genug reden, da bevorzugt er privat die Ruhe. „Ich bin nun mal kein Schwätzmützchen", bemerkt er ganz grundsätzlich und fühlt sich einig mit den anderen Jungs. Schließlich sprechen Frauen nach einer alten, oft zitierten Statistik 20 000 Wörter am Tag und Männer lediglich 7000.

Doch, sorry, Liebster, die Wissenschaft schreitet fort. Psychologen der Universitäten von Arizona und Texas haben mit Spezialrekordern herausgefunden, dass heutzutage beide Geschlechter ungefähr gleich viel reden: 200 zufällig ausgesuchte Frauen sprachen durchschnittlich 16 215 Wörter, 200 Männer nur unwesentlich weniger, nämlich 15 669 Wörter. Es soll sogar ein echtes Schwätzmützchen mit über 45 000 Wörtern dabei gewesen sein. Nun ja, sicher kein alter Ehemann im Dialog mit seiner Frau. Wahrscheinlich waren die Probanden lauter Singles auf Brautschau in der lyrischen Phase und haben Glasmurmelgeschichten aus der Kindheit erzählt, um die weiblichen Testpersonen zu beeindrucken. Aber davon verstehe ich sicher weniger als die alleinstehende Leserin. Denn ich bin ja schon längere Zeit verheiratet, und da ist das meiste schon gesagt. Hmm.

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