Der Blaue Reiter und das falsche Gold

In München wurde das neue Lenbachhaus mit dem umstrittenen Anbau von Norman Foster eröffnet

Von Birgit Kölgen

München - Der Münchner an sich gehört ja eh nicht zu den Jubelbürgern. Doch vor der heutigen Neueröffnung des Lenbachhauses mit modernem Anbau wurde besonders viel gegrantelt. „Wuchtig, goldig, fragwürdig“ titelte die Süddeutsche Zeitung. In der Tat fragt man sich, wieso das Büro des britischen Stararchitekten Norman Foster ausgerechnet eine Riesenkiste mit grell golden glänzender Rippenfassade neben die ockerfarbene Traumvilla des Künstlerfürsten Franz von Lenbach stellen musste. Ulrich Hamann aus dem Team Foster versichert, dass die neue Alu-Kupfer-Legierung mit der Zeit Patina bekommen und „mehr mit dem Bestand verschmelzen“ werde. Bis dahin beißen sich die Farben und die Meinungen. Da hilft nur eins: Schnell hineingehen und ein grandioses, leicht labyrinthisches Museum voller Überraschungen entdecken. Beuys und der Blaue Reiter warten schon.

„Das Gebäude ist nur der Spielort für das Theater Kunst“, stellt Lenbachdirektor Helmut Friedel völlig zu Recht fest. Und die Inszenierung ist überwältigend. Statt wie früher durch das enge Gartentörchen kommen die Besucher durch eine große Glastür und stehen in einem Atrium, das eine Ecke der denkmalgeschützten Villa wie eine kostbare Skulptur umfasst und zudem in lichte weiße Höhen führt. Von der Decke hängt ein in vielen Farben glitzerndes Spiegelobjekt: das „Wirbelwerk“ von Olafur Eliasson, geschaffen für diesen Ort. Von hier aus kann man, ganz nach Lust und Laune, erst in das historische Haus hinüberspazieren oder über die offene Treppe hinauflaufen bis in die zweite Etage, zum größten Schatz der Städtischen Galerie – den Bildern der Künstlergruppe Blauer Reiter.

Aber was heißt hier Künstlergruppe? Eigentlich war „Der Blaue Reiter“ nur der Titel eines Almanachs sowie einer Ausstellung, die der charismatische russische Aussteiger und spätberufene Maler Wassily Kandinsky (1866-1944) im Jahr 1911 am Kaffeetisch mit seinem bayrischen Freund Franz Marc ersann. Die Neue Künstlervereinigung München war ihnen zu spießig geworden. Dabei konnten sie nicht ahnen, dass man sie noch 100 Jahre später vergöttern würde. Nach dem „Geistigen in der Kunst“ suchten die beiden Visionäre – und führten dabei ein sinnenfrohes Leben. Kandinsky lebte in unerhörter wilder Ehe mit seiner Malschülerin Gabriele Münter. In dem idyllischen Nest Murnau schufen das Paar und der Kollege Alexej von Jawlensky glühende Landschaften gegen die Trostlosigkeiten der Realität. Obwohl Kandinsky die Gefährtin im Ersten Weltkrieg im Stich ließ, hütete Gabriele Münter die Werke dieser kreativen Zeit und stiftete sie als alte Dame 1957 dem Lenbachhaus – Basis der weltberühmten Sammlung.

Weil das Weiße nicht so recht passen mag zu den leuchtenden Bildern, wurden die Räume wieder farbig gestaltet: Auf Himmelblau und Sonnengelb blüht das künstlerisch verwandelte Murnau, auf glitzerndem Grau lächelt Jawlenskys glamouröses „Bildnis des Tänzers Alexander Sacharoff“, Franz Marcs „Tiger“ lauert im Türkisen, anmutig senkt sein „Blaues Pferd“ den Kopf. Eine schwarze Seidentapete mit holzartiger Struktur gibt einen salonhaft eleganten Hintergrund für Kandinskys abstrakte „Impressionen“ und „Improvisationen“ ab.

Man könnte stundenlang da oben bleiben. Aber man will ja noch mehr sehen – zum Beispiel die Kunst nach 1945, die durch den Neubau endlich genug Raum hat. Zur einen Seite öffnet sich eine Art Extra-Museum für Joseph Beuys (1921-1986), dessen philosophische Fettecken, verpflasterte Wannen und andere Wunderlichkeiten den Bildungsbürger schon längst nicht mehr provozieren. Seltsam angerührt steht man vor einer Schiefertafel, auf die der rheinische Kunstschamane eigenhändig Worte wie „Energie, Bewegung, Seele, Denken“ schrieb. Die Tafel gehört zu dem Environment „Vor dem Aufbruch ins Lager“ und ist Teil einer Beuys-Sammlung, die der Verleger Lothar Schirmer dem Museum stiftete.

Auf der anderen Seite leitet die Saalfolge etwas beliebig durch die jüngere Kunstgeschichte – von Maria Lassnigs feministisch-wilden Selbstbildnissen über Konstruktivismus und Minimal Art zu Gerhard Richters „Stehenden Scheiben“, Thomas Demands abfotografierten Papierszenen und den Licht- und Videoinstallationen der Kanadierin Angela Bulloch. Und plötzlich ist da das alte Treppenhaus, und das berühmte „Selbstbildnis mit Skelett“, das Lovis Corinth 1896 malte, führt langsam zurück in die Vergangenheit, zu den Landschaften und Porträts des 19. Jahrhunderts und zum Erbauer des Hauses, Franz von Lenbach (1836-1904).

Dieser phänomenale Mann war keineswegs hochwohlgeboren, sondern das 13. Kind eines Schrobenhausener Maurermeisters. Man ließ ihn nach München ziehen, wo er bei dem Historienmaler Piloty studierte und von dem Mäzen Graf Schack gefördert wurde. Doch die wahre Karriere machte er erst als Porträtmaler der Reichen und Mächtigen. Nachdem er in Wien erfolgreich an einem Bildnis des Kaisers Franz Joseph I. gearbeitet hatte, wollten auch andere Herrschaften ähnlich majestätisch dargestellt werden, und Lenbach malte sie gerne – für entsprechendes Honorar. Dass sich auch Kaiser Wilhelm und Reichskanzler Bismarck mehrfach von Lenbach porträtieren ließen, krönte seinen Aufstieg. 1882 wurde er geadelt, 1887 heiratete er ein feines Fräulein, Magdalena Gräfin Moltke, und 1890 bezogen sie eine Art Palazzo im Stil der italienischen Renaissance: „Ich gedenke mir einen Palast zu bauen, der das Dagewesene in den Schatten stellen wird“, prahlte Lenbach, und der Architekt Gabriel von Seidl machte seinen Traum wahr.

Im Park vor dem Eingang plätschern drei Brunnen zwischen Tulpenfeldern und Heckengärten. Darüber, in der Bel Étage, befinden sich die repräsentativen Salons, mit denen der Künstler seinerzeit die Kundschaft beeindruckte. Eine kleine weiße, nicht ganz standesgemäße Treppe führt hinauf in die auch nach der Renovierung leicht vermuffte Vornehmheit. Stühle wie aus einem Schloss, gedrechselte Bögen, reich verzierte Decken, ein Wandteppich, geheimnisvolles Dämmerlicht.

An der Wand hängt ein beeindruckendes Familienporträt des bärtigen Malers mit seinen Töchtern Marion und Gabriele und der zweiten Gattin Lolo, geborene von Hornstein, die er gleich nach der Scheidung von der vermutlich treulosen Magdalena geheiratet hatte.

Lolo kümmerte sich gern um die Geschäfte und arrangierte Porträtsitzungen. Ob sie in dem pompösen Anwesen glücklich wurde – man weiß es nicht. 20 Jahre nach Lenbachs Tod, 1924, verkaufte Lolo das Haus an die Stadt und verschenkte dazu viele Bilder: Grundstock für die städtische Galerie, die 1929 mit einem zusätzlichen Seitenflügel eröffnet wurde. Mit 10 000 Besuchern jährlich rechnete man damals. 2008, im letzten Jahr vor der großen Sanierung, kamen 450 000. Es war höchste Zeit, aus dem Lenbachhaus ein modernes Kulturinstitut zu machen. Und das ist gelungen, auch wenn falsches Gold an der neuen Fassade glänzt.

www.lenbachhaus.de

 

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