Die Macht des roten Mohns

Das Museum Frieder Burda schwelgt in der Malerei von Emil Nolde

Von Birgit Kölgen

Baden-Baden - Der Mann aus dem Norden liebte die Blumen: „emporsprießend, blühend, leuchtend, glühend, beglückend, sich neigend, verwelkend, verworfen in der Grube endend“. Auch im kargsten Küstenboden pflanzte Emil Nolde (1867-1856) farbenprächtige Gärten an – und malte sie. Das Publikum ist ganz vernarrt in seine Bilder von rotem Mohn und lila Iris. Zur Freude der Baden-Badener Passanten wurden auf dem Rasen vor dem Museum Frieder Burda vier Blumenbeete nach Noldes Art angelegt. Doch die Ausstellung in dem lichten Richard-Meier-Bau zeigt keinen milden Gartenfreund, sondern einen furiosen Maler - den großen Einzelgänger unter den deutschen Expressionisten.

Schon als Kind war der Bauernsohn Emil Hansen aus dem Dorf Nolde in Nordschleswig fasziniert von Farben. Er malte mit Holunder- und Rote-Bete-Saft, bis er zu Weihnachten seinen ersten Farbkasten bekam. Aber Künstler werden, das durfte er nicht so ohne Weiteres. Der Vater erlaubte nur, dass Emil eine Lehre als Kunstschnitzer in einer Flensburger Möbelfabrik machte und das gewerbliche Zeichnen lernte. Artig arbeitete er in der Galanterie- und Einrichtungsbranche und wurde schließlich, nach einer überstandenen Tuberkulose, Fachlehrer für gewerbliches Zeichnen am Industriemuseum im schweizerischen St. Gallen.

Auf Fotografien sieht man einen zugeknöpften jungen Herrn, dessen verträumter Blick in andere Richtungen weist. Nebenbei hatte er begonnen, witzige Postkarten mit personifizierten Bergen („Jungfrau, Mönch und Eiger“) zu zeichnen. Die Schweiztouristen waren begeistert. Und der Lehrer Hansen machte mit seinen Scherzkarten so gute Geschäfte, dass er die Stellung kündigen und endlich ein freier Maler werden konnte: Emil Nolde.

Sein erstes Ölbild, die „Bergriesen“ von 1895/96, zeigt groteske Märchengestalten am Biertisch – und wurde bei der Jahresausstellung in München abgelehnt. Auch einen Studienplatz an der Akademie bekam der Norddeutsche mit über 30 nicht mehr. Aber Nolde blieb unbeirrbar und suchte selbst seinen Weg: in Amsterdam, Paris und Kopenhagen, wo er die Frau seines Lebens, die dänische Pastorentochter und Schauspielerin Ada Vinstrup, kennenlernte. Frühe Bilder der Ausstellung zeugen von verschiedenen Einflüssen. Der Auftritt der „Melkmädchen“ von 1903 vor einem feurigen Himmel oder das Paar „Im Korn“ haben eine van Goghsche Dramatik und Pinselführung. Der „Frühling im Zimmer“ mit einer sitzenden Ada tendiert 1904 zu impressionistischer Lieblichkeit. Doch das war nichts für Nolde, der mit der fast abstrakten „Meeresstimmung“ von 1901 von einer anderen Freiheit träumte.

Mit 40 endlich war Nolde bei sich angekommen – sein Pinsel folgte von nun an den Eingebungen der Farbe. Auf der Ostseeinsel Alsen, wo er mit Ada ein Fischerhaus gemietet hatte, machte er eine „Strickende Bäuerin“ zum leuchtenden Gewächs unter gelben und blauen Blumen. „Er hatte die Sehnsucht, Mensch und Natur in der Kunst zu vereinen“, sagt Kurator Manfred Reuther, pensionierter Direktor der Nolde-Stiftung in Seebüll und einer der führenden Nolde-Experten überhaupt. Aus den Schätzen der noch vom Maler selbst organisierten Stiftung hat Reuther die 80 Bilder für das Museum Burda ausgesucht. „Es ist keine kopflastige Ausstellung“, betont er.

Stimmt. Es geht um Gefühle. Und die sind bei Nolde keine zarten Pflänzchen, sondern aufwühlend wie das gelb, grün und blau schäumende Meer, auf dem „Qualmende Dampfer“ treiben (1910).

„Heiß und heilig“ waren ihm die Farben, „künden Glück, Leidenschaft und Liebe, Blut und Tod“. Die jungen Maler von der Künstlergruppe „Die Brücke“ fanden das toll und hatten Nolde zu einer Mitgliedschaft überreden können. Aber er trat 1907 schon wieder aus – er brauchte keine Clique, nur eigene Inspirationen. Überall entdeckte er „reichstes, tobendes, fließenden Leben“ – daheim am kühlen Meer, auf Reisen, in der Großstadt. Überall offenbarte sich für ihn die unbändige Natur des Menschen. Die gelbgesichtigen Gestalten der Berliner Halbwelt um 1911 wirken wilder als die würdevollen Eingeborenen, die der Maler 1914 auf einer Expedition in die Südsee kennenlernte und begeistert malte. Mit tatzenartigen Händen packt der „Heilige Symeon“ zwei zähnefletschende Weiber. Eine urige Erotik gehört durchaus auch zu Noldes Werk. Ekstatisch verrenken die „Kerzentänzerinnen“ von 1912 ihre pinkfarbenen Körper auf rot glühendem Boden. Der Maler war ein Fan des modernen Ausdruckstanzes.

Und manchmal ließ er die eigenen Dämonen tanzen. Ein braunes „Meerweib“ mit roten Händen kuschelt sich 1922 unter eine Riesenwoge. „Seltsame“ Geister und eine Schlange spuken durch die Dunkelheit. Ein rotbärtiger „Teufel“ mit blauen Augen (wie Nolde sie hatte) erscheint ihm 1919 bei einem einsamen Aufenthalt auf der Hallig Hooge. Die „Urgründe“ seines Künstlertums sah Nolde, wie er schrieb, „zutiefst im Boden engster Heimat verwurzelt“. Umso überraschter war er, als die Nazis mit ihrer Blut-und-Boden-Ideologie ausgerechnet ihn, den hoch geehrten Maler des Nordens, als „entartet“ einstuften und Berufsverbot verhängten.

29 seiner Werke hingen 1937 in der Schandausstellung von München. Der schockierte Nolde, geschwächt von einer Krebserkrankung, emigrierte nicht. Er zog sich in sein selbstentworfenes Anwesen in Seebüll zurück und malte dort heimlich über 1300 Aquarelle, die als „Ungemalte Bilder“ in die Kunstgeschichte eingingen. 1942, mitten im Krieg, griff er doch zur Ölfarbe und malte das Bild „Großer Mohn (rot, rot, rot)“. Rot wie Blut und Wut sind diese Blumen und zugleich, meint Reuther, „mächtig, wie ein Zaun“. Ein Schutz vor den Katastrophen der Zeit. Nolde überlebte. Nach dem Tod seiner geliebten Ada heiratete er 1948 sogar noch einmal – die 26-jährige Jolanthe. Und malte eine „Hohe Sturzwelle“, gewaltig blau sich aufbäumend vor einem gelben Horizont. Die Farbe hat gesiegt.

www.museum-frieder-burda.de

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