Wer bietet mehr?

Über die weltweit bedeutendste Kunstmesse Art Basel – Version 2013

Von Birgit Kölgen

Basel - Die schicken People von der Kunstfront sind schon ganz erschöpft. Müde ziehen sie ihre Rollköfferchen über den Baseler Messeplatz. Denn sie waren in den letzten sechs Wochen auf der Frieze in New York, auf der Biennale in Venedig und mussten auf der allerersten Art Basel in Hong Kong den neuen prickelnden Asienmarkt erkunden. „Last stop Basel as marathon ends" (letzter Halt Basel nach dem Ende des Marathons) seufzt die internationale Ausgabe von „The Art Newspaper". Aber schwänzen will da keiner. Die Art in Basel ist nun mal die Mutter aller modernen Kunstmessen, und sie verspricht Schweizer Uhrwerk-Qualität in einem Business, das zunehmend unüberschaubar wird.

Messe-Geschäftsführer Marc Spiegler, gebürtiger Amerikaner und ehemals Kunstkritiker, spricht von einer unglaublich aufregenden Entwicklung: „an incredibly exciting development". Yes, Sir, es wird natürlich nur Englisch gesprochen. Wir sind hier nicht im Heidiland, sondern im globalen Kaufmannsladen für aktienmüde Kunden, die ihre Dollars und Franken in vermeintlich wahre Werte investieren wollen und für einen Goldrausch in der Branche sorgen. Größter Sponsor der Art Basel ist denn auch die Schweizer Bank UBS, die, wie ein Sprecher vor der Presse betont, den Klienten einen „direct access", den direkten Zugang, zu „important works of art", wichtigen Kunstwerken, ermöglichen will.

Über Preise plaudern die 304 beteiligten Galerien nicht sehr gern mit Leuten, die nichts kaufen wollen. Ist ja auch ein bisschen peinlich, wenn Erich Heckels kleiner Holzschnitt „Weiße Pferde", unlängst bei Ketterer für 31 000 Euro versteigert, bei einer Berliner Galerie in Basel 85 000 Euro kostet. Das wird allerdings zum Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass dieselbe Galerie für eine von Emil Noldes Lithografien zum Thema „Tänzerin" (Vermerk: „selten") eine Million Euro haben will. Im vorigen Jahrhundert hätte niemand für eine Druckgrafik solche Summen gezahlt. Da vergeht die Leichtigkeit des Motivs.

Die klassische Moderne ist immer noch die Spitzenware auf dem Kunstmarkt. Man kann sich nur wundern, wie viel davon immer wieder zum Vorschein kommt: Miró en gros, Jawlensky-Köpfe reihenweise, Magritte hier, Chagall da. Die Frage nach der Echtheit ist sicher nicht in allen Fällen hundertprozentig geklärt. Auf die Fälschungen des begabten Gauners Wolfgang Beltracchi fiel bekanntlich sogar der Max-Ernst-Experte Werner Spies herein, den man übrigens bei der Messe-Vorbesichtigung am Dienstagnachmittag in Halle 2 treffen konnte – genau wie Fußballstar Michael Ballack, der im diskreten schwarzen Anzug durch die Kojen strich.

Nur very important persons kommen schon vor der Eröffnung in die heiligen zwei Hallen, denen das Architektenteam Herzog & de Meuron einen glänzenden Anbau mit einem Durchbruch nach oben, einem „Himmelsauge", verpasst hat. Die 430 Millionen Franken teure Konstruktion gibt dem zuvor eher biederen Messeplatz einen gewissen Glamour und steht in krassem Kontrast zu den Bruchbuden aus Wellblech und Abfallholz, die der in Paris lebende Japaner Tadashi Kawanata vor den Eingang setzen ließ. „Favela" wie die Elendsviertel Brasiliens heißt die Installation und dient zugleich als Messe-Bar. Das soll verstörend wirken. Aber die Leute finden es toll, stehen Schlange fürs Poulet mit marinierten Zucchini, setzen sich mit ihren Geschäftspartnern auf die Sperrmüll-Stühle und leeren schon mal ein Fläschchen Champagner (Ruinart Brut) für 110 Franken.

Es liegt eine ungeheure Arroganz in der Luft der Art Basel. Man will zeigen: Wir sind nicht nur reich und können uns Louis-Vuitton-Auflagentäschchen und verblüffende Faceliftings leisten. Wir haben auch Kultur – obgleich manche Models, die mit ihren Sugardaddys durch das Gedränge stöckeln, eher gelangweilt mit ihren Glitzer-Smartphones spielen.
Also bitte! Das ist gemein und zeugt nur vom Neid der Normalverdiener, die kein Milliönchen in der Tasche haben, um sich beim Salzburger Stargaleristen Thaddaeus Ropac einen Bronzeabguss der rauen „Kleinen Marokkanerin" von Georg Baselitz zu kaufen. Für den Vorgarten. Anders als bei der heimischen „art Karlsruhe" gibt es in Basel so gut wie nichts in gemäßigter Preisklasse. Aber es gibt zum Glück einen Bonus für jedermann: den Sektor „Unlimited", eine spektakuläre Ausstellung großformatiger Skulpturen und Installationen in Halle 1. Hier kann man aufatmen, bummeln und über Kunst staunen, ohne ständig ans Geld zu denken.

Zu sehen ist erstaunlich viel Schönes wie die 52 golden glänzenden Messingschiffchen, die der berühmte Oberschwabe Wolfgang Laib in Reis gesetzt hat – Zeichen seiner lebenslangen spirituellen Reise. Der in Holland lebende Afrikaner Meschac Gaba feiert die Kunstparty von Menschen aus aller Welt mit einem bunt gestreiften Riesenglobus, dessen Muster er aus den Farben aller Nationalflaggen zusammengesetzt hat. Der Londoner Franzose Marc Camille Chaimowicz („Enough Tiranny") lässt Brünnlein plätschern und eine Disco-Kugel glitzern.

Auch nachdenkliche Themen werden unterhaltsam umgesetzt – wie das begehbare Lumpenhaus von Jonah Freeman und Justin Lowe („Artichoke Underground"), Thomas Demands Trickfilm „Pacific Sun", bei dem ein ordentliches Büro vom Sturm verwirbelt wird, oder Francois Curlets rasantes Video „Speed Limit" mit einem zum Leichenwagen umgebauten Jaguar E-Type. Visuelle Effekte und Geräusche locken das Publikum bis in die hinteren Ecken der gewaltigen Halle. Und Inspirationen kosten nichts. Enjoy the show!

www.artbasel.com

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