Die Generation 50plus soll konsumieren und selbstlos ins Ehrenamt streben

Von Birgit Kölgen

Irgendwann muss es ja geschehen sein. Ohne es zu bemerken, bin ich in diese grau vernebelte Generation vorgerückt: 50plus sagt die politische Korrektheit und meint: die Alten. Seit ich 50plus bin, hat mir keiner mehr einen neuen Job angeboten. Das ist absurd, denn ich fühle mich eher besser als mit 38. Meine Erfahrungen haben sich auf manchen Gebieten zu einem Wissensvorsprung verdichtet. Meine Unsicherheiten sind bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft. Nun gut, es zieht im Knie, aber ich mache Tai Chi. Und ich sehe keine Greisin, wenn ich straff und frisch geschminkt in den Spiegel gucke. Auch auf Fotos kann ich fast wie früher aussehen – falls ich die Chance hatte, mein Fotogesicht zu machen. Kinn hoch, leicht schräg, kleines Lächeln, charmanter Schal. Nur Schnappschüsse gehen gar nicht mehr: Truthahnhals, entgleiste Mundwinkel. So etwas muss sofort gelöscht werden. Denn noch akzeptiere ich es einfach nicht, das gealterte Ich, das Verschwinden vom Markt der Möglichkeiten.

Schließlich gehöre ich zu einer anschwellenden Bevölkerungsgruppe. Ohne uns und die Fülle unserer Weisheit kann angesichts der demografischen Entwicklung die Wirtschaft in Zukunft nicht mehr funktionieren. Unser Wert für die statistisch alternde Gesellschaft wird in Grundsatzreden unermüdlich betont. Wir spielen auch durchaus führende Rollen – falls wir rechtzeitig Bundeskanzlerin oder Vorstandsvorsitzender geworden sind. Unsere Chancen im mediokren Karrierebereich sind allerdings eher mies. Personalchefs bevorzugen die jungen, frisch ausgebildeten, anpassungswilligen Kandidaten. Denn die haben nicht zu allem eine eigene Meinung. Ja, zugegeben: Wir Kinder der 1968 erstrittenen Gedankenfreiheit sind geübte Besserwisser. Wir akzeptieren nicht jede Vorgabe, wir sträuben uns gegen Erfolgskonzepte und Krawattenzwang, wir wollen nicht mehr widerspruchslos bis zum Umfallen arbeiten. Dafür fällt uns eigentlich immer etwas Eigenes ein. Das, sollte man meinen, muss der Zeitgeist doch langsam zu schätzen wissen.

Keine Angst, das wird schon. Es gibt Anzeichen. Lifestyle-Zeitschriften, die barrierefreie Designerhäuser statt Treppenlifte propagieren, und, in der vergangenen Woche, die neue Stuttgarter Best-Ager-Messe „Die besten Jahre". Auf dem Titelbild der Messebroschüre macht ein hübsches, circa 40-jähriges Pärchen unter einem blühenden Baum eine bemerkenswerte Stemmübung. Er beugt sich vor, sie liegt bäuchlings auf seinem Rücken (die Bandscheiben sind wohl in Ordnung), beide lachen leicht irre. Da geht es um ungebrochene Vitalität – da muss ich hin.

Ein Teppich, grün wie die Hoffnung, führt zum Eingang von Halle 2. Mit taufrischem 50plus-Bewusstsein laufe ich über die Schwelle, wo mir ein junger Mann mit pflegerischer Freundlichkeit zur Begrüßung eine „Glückstüte" verehrt. Darin befinden sich: eine Tube Fußwärmecreme, ein paar Brühwürfel für Rouladensoße, Magnesiumpulver gegen Wadenkrämpfe sowie etliche Broschüren, unter anderem für einen Treppenlift („Die ganze Welt der Mobilität"). Nicht verzagen, auf der Bühne hält gerade eine flotte Rothaarige einen Vortrag: „Mich interessiert das Heute." Klingt gut. Doch es geht um das Thema Demenz.

Tja, Madame 50plus, man muss alsbald mit dem Schlimmsten rechnen. Bis dahin kann man sich auf der Best-Ager-Messe über Hörgeräte, Einlegesohlen und Armbänder mit Magnetkraft informieren. Auch Energiedrinks, beeindruckende Fitnessgeräte („Spiraldynamisch ausschwingen"), Coaching-Programme zur Vermeidung des Rentner-Blues sowie inspirierende Gemeinschaftsreisen und Autos mit Schiebetür werden feilgeboten. Eine Werbegemeinschaft von „50plus Hotels" empfiehlt Wellness und Genuss für „erfahrene Reisende", was immer das bedeuten mag.

Eins ist klar: Die neuen Alten sind vom Markt als potenzielle Kunden entdeckt worden. Und sie sollen Gymnastik machen, damit sie konsumfähig bleiben. Zwar stehen am Rand der Messehalle rustikale Parkbänke, aber man soll da nicht zu lange herumsitzen. Vor der „Aktivbühne" der Messe üben sich entschlossene Besucher unter Anleitung einer jungen Molligen die „Indian Balance": „Und einatmen...". Eine schwarz verkleidete Truppe demonstriert „Die Fünf Esslinger", eine Reihe regional bewährter Leibesübungen. Unter anderem zelebriert man mit eineinviertelminütigem Kniewippen „Die Rückkehr des Frühlings". Es ist 11.30 Uhr, ich werde hungrig. Man isst ja auch im Altenheim früh. Leider erweist sich der Gemüseteller mit Schupfnudeln (8,50 Euro) als zerkochter Matsch mit Blumenkohl. Immerhin braucht man dafür nicht unbedingt Zähne. Meine Mitsenioren zwischen 70 und 80 sitzen brav an veilchengeschmückten Tischen und essen die Teller klaglos leer. Das müssen wir Junior-Senioren noch üben, sonst gibt es später Ärger in den Residenzen, deren Vorzüge an etlichen Ständen gepriesen werden.

Ehe die Altersdepression mich ereilt, suche ich weiter: Irgendwo muss doch die Kompetenz der Älteren gefragt sein. In der Tat: „Ehrenamtlich im Dienst des Nächsten". Da wird der über 50jährige gern genommen, kostet ja nichts. Flüchtig streift mich der Gedanke, ob dieses Modell noch zeitgemäß ist angesichts der Tatsache, dass eine gewöhnliche Rente kaum noch zur Sicherung eines bescheidenen Lebensstandards ausreicht. Falls man, mit 50plus, überhaupt in die Lage versetzt wird, bis zum Rentenalter zu arbeiten.

„Wohnen Sie in Stuttgart?" fragt mich ein sympathischer Graukopf. Dort nämlich, im Treffpunkt Senior, sucht man nach sogenannten Leih-Omas, die sich ein- bis zweimal in der Woche hingebungsvoll um kleine Kinder kümmern. Es gibt sogar, entnehme ich später der Website, eine Aufwandsentschädigung für den nervenaufreibenden Job in fremden Familien: 6,30 Euro pro Betreuungsstunde minus 80 Cent für den Verwaltungsaufwand. Tja, ein Geschäftsmodell für die Zukunft sieht anders aus. Ich habe dem netten Herrn nur gesagt, dass ich nicht in Stuttgart wohne. Dass ich berufstätig bin, habe ich ihm verschwiegen. Denn das gehört sich offenbar nicht mit 50plus. Vielleicht sollte ich jetzt mit meiner Glückstüte nach Hause gehen und darüber nachdenken, wie ich mein Leben noch ein Weilchen in Schwung halte. Bevor der Treppenlift eingebaut wird.

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