Nur wer nach Herzenslust faul sein kann, findet auf Dauer seinen inneren Frieden

Von Birgit Kölgen

So ein Samstag hat es in sich. Keiner muss ins Büro. Aber alle wissen, was sie zu tun haben: Müll sortieren, Einkaufen, Wasserkästen schleppen, Rasen mähen, Hecken schneiden, Auto waschen, Fensterrahmen streichen. Und: Aufräumen!! Der Samstag spottet seiner Freizeit. Denn er ist der große Erledigungstag. Erst, wer alles abgehakt hat, darf sich kurz, wie die Familie in der Joghurt-Reklame, aufs Sofa plumpsen lassen – „hinein ins Weekend-Feeling". Aber halt! Ein Stündchen im Fitness-Studio muss auch noch sein. Und der Abend darf auch nicht einfach schlapp verstreichen. Er soll gefälligst ein Ereignis sein. Gibt's kein Konzert? Grillen mit Nachbarn ist das Mindeste. Aber bitte mit verschiedenen Salaten. Und einer muss vegetarische Spieße machen. Uns fällt schon was ein. Nur eins können wir gar nicht gut: Nichts tun. Abschalten.

Sogar der Sonntag ist noch geprägt von inneren To-Do-Listen. E-Mails checken ist ist schon selbstverständlich, der Mensch von heute bleibt immer erreichbar. Facebook und andere virtuelle Netzwerke wollen gepflegt sein, man könnte ja eine Chance, eine günstige Verbindung verpassen. Außerdem wollte man endlich noch den Keller entrümpeln und natürlich schon wieder Sport treiben. Die Knochen tun noch weh von gestern – aber man muss ja fit sein für den Alltag, der am Montag wieder beginnt und absolute Leistungsfähigkeit verlangt. Denn: Die Zeiten sind schwierig. Uns geht es zwar wirtschaftlich noch gold, doch die seit Jahren schwelende globale Finanzkrise hat der Zuversicht den Garaus gemacht. Sie ist, hat der Kölner Psychologe und Autor Stephan Grünewald festgestellt, „mit dem Gefühl verbunden, plötzlich und unerwartet in unüberschaubare Verhältnisse geraten zu können". Die allgemeine Unruhe führt, so Grünewald in seinem Buch „Die erschöpfte Gesellschaft", in einen Zustand „besinnungsloser Betriebsamkeit". Viele Unternehmen, von Beratern angetrieben, verstärken die Tendenz „mit Appellen zur Leistungssteigerung und mit der Erhöhung des Effizienzdiktates". Von jedem einzelnen Mitarbeiter werde „ein Höchstmaß an persönlicher Flexibilität erwartet". Unnötige Pausen, Schwätzchen am Schreibtisch, Zeitung lesen im Dienst – solche kleinen Fluchten bleiben nicht unbeobachtet. Prompt wetteifern die Kollegen, hat Grünewald mit seinem rheingold-Institut für Kulturforschung festgestellt, „um den inoffiziellen Titel des Verausgabungsmeisters". Wer schafft für Zwei? Wer bleibt am längsten im Büro? Man ist nicht mehr stolz auf sein Werk, sondern auf seine Überforderung. Selbst das gefürchtete Burnout-Syndrom, eigentlich nichts anderes als eine Erschöpfungsdepression, hat, glaubt Grünewald, „den Nimbus einer modernen Tapferkeitsmedaille". Puh!

Da ist was ganz falsch gelaufen. Denn Menschen, die sich ständig verausgaben, verlieren nicht nur den Spaß am Leben, sondern auch die Fantasie, die Kreativität. Wir müssen wieder lernen, faul zu sein. Denn, so Grünewald in seinem ebenso ernsten wie lockeren Buch: „Phasen der Langeweile oder die nicht ritualisierten Zeiten des Faulenzens, Wartens oder Umherstreifens sind schöpferische Zustände." Im Müßiggang entkoppele sich die Seele von den „gerichteten Handlungsvollzügen und festgelegten Zweckbestimmungen". Dadurch eröffnen sich, verspricht der Experte, „Freiheitsgrade und Spielräume". Das haben wir nur vergessen. „Selig sind die Stunden der Untätigkeit, denn in diesen arbeitet unsere Seele", schrieb der brillante Wiener Kulturphilosoph Egon Friedell (1878-1938).

In den Zeiten, bevor das 20. Jahrhundert uns mit seinem Fortschritt und seinen Katastrophen in die Hektik trieb, suchten die Romantiker in Ruhe nach der blauen Blume der Erkenntnis – und das Biedermeier machte es sich daheim gemütlich. „Nur die Ruhe in uns selbst lässt uns sorglos zu neuen Ufern treiben", bemerkte der österreichische Schriftsteller und Naturfreund Adalbert Stifter (1805-1868). Träumen am helllichten Tag, mit offenen Augen, war im 19. Jahrhundert keine Sünde. Die Realität vergessen und sich etwas vorstellen – beim ziellosen Spazierengehen, beim Aus-dem-Fenster-gucken – das kennen wir alle aus unserer Kindheit und Jugend. In der Vorstellung waren wir die Stärksten und Schönsten und haben Prinzessinnen und grandiose Indianerhäuptlinge mit unserem Mut und unseren Talenten beeindruckt.

Stephan Grünewald empfiehlt den Tagtraum auch Erwachsenen als „Meuterei gegen die Zwänge des Alltags". Der Tagtraum gehöre „zu den großen und unterschätzten Tröstungen, die uns das Leben bereitstellt", glaubt er. Wer Ärger im Beruf hatte, der kann sich ausmalen, wie es gewesen wäre, allen die Meinung zu sagen, auf den Tisch zu hauen, einfach alles hinzuwerfen, etwas ganz Anderes zu machen. Im Tagtraum ist alles möglich. Und manchmal führt er vielleicht sogar zu einer tatsächlichen Befreiung. „Träume dir das Leben schön, und mache aus diesen Träumen eine Realität", empfahl die berühmte Physikerin Marie Curie (1867-1934).

Voraussetzung für das ausschweifende Gedankenspiel ist allerdings – Müßiggang. Nicht gemeint sind die tumben Ablenkungsmanöver, mit denen gerade die artig angepassten jungen Leute heutzutage nach Ausgleich suchen: Saufgelage, endloses Facebook-Getratsche und/oder exzessives Glotzen von Action- oder Horrorfilmen. Gemeint ist ein Zustand des Innehaltens und Lauschens – beim Flanieren oder auch im Liegen. Die wahre Entspannung braucht kein Programm. Vielleicht liest man mal ganz zwanglos wieder mal ein paar Gedichte – wie dieses von Hilde Domin: „Nicht müde werden, / sondern dem Wunder / leise / wie ein Vogel / die Hand hinhalten."

Buchtipps:

Stephan Grünewald: Die erschöpfte Gesellschaft – Warum Deutschland neu träumen muss. Campus. 187 Seiten. 19,99 Euro. Zu faul zum langen Lesen? Bei ars edition gibt es winzige Büchlein, die mit Zitaten und kleinen Meditationstexten den Müßiggang unterstützen: Urlaub für die Seele und Kunst der Gelassenheit, je 4,99 Euro.

Zitate:

Ruhe, Stille, Sofa und eine Tasse Tee geht über alles.

Theodor Fontane (1819-1898)

Schmutziges Wasser wird wieder klar, wenn man es stehen lässt.

Laotse (6. Jhdt. v. Chr.)

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