Spieglein, Spieglein: Unser alltäglicher Narzissmus

Von Birgit Kölgen

Hallo, Sie da, zeigen Sie sich mal! Die Zeiten der vornehmen Zurückhaltung sind passé. Out. Von gestern. Im digital unterstützten Konkurrenzkampf der Gegenwart geht es um Selbstdarstellung – und zwar nicht nur in der Bewerbungsmappe. Der moderne Mensch präsentiert einer vage begrenzten Öffentlichkeit ganz alltäglich und ungeniert, wie er sich gefällt: Das bin ich, so mag ich mich, so guck ich schnuckelig in die Handy-Kamera! Und das ist das Theater meines Lebens: mein Haus, mein Garten, mein Ferienstrand, meine süßen Kinder, meine steile Karriere, meine saftigen Bratwürste auf dem Grill. Wer sich dem Eigenlob verweigert, der wird schnell unsichtbar im Gefüge der neuen Kommunikation.

Nun ist die Selbstgefälligkeit keine Erfindung von Facebook. „Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden“, seufzte schon der Dichter Andreas Gryphius 1637 mitten im Dreißigjährigen Krieg. Allerdings dachte er dabei nicht an Germany’s Next Topmodel. Für die Menschen des Barock, durchaus verliebt in die Prachtentfaltung, war Eitelkeit zugleich ein Begriff für das Hohle, Scheinbare, Vergebliche. In der Kunst jener Zeit erscheinen Stundengläser, Totenköpfe und andere Symbole der Vergänglichkeit mahnend neben schönen Frauen, Blumen und köstlichen Speisen. Schließlich ist die Superbia (eitler Hochmut) eine der sieben Todsünden in der abendländischen Kultur – genau wie Invidia, die Missgunst, die stets einhergeht mit den strahlenden Erfolgsmeldungen, die wir heutzutage so hemmungslos, vielleicht auch naiv, in die Welt setzen.

Aber das bemerken nur noch Spaßbremsen, die keine Ahnung von Lifestyle haben. Das Hochglanzmagazin Elle, Fachblatt der Eitelkeit, schwärmte in seiner Juli-Nummer geradezu für die neue, nicht zu bremsende Eigenliebe: „Der Narzissmus ist doch oft Anfang von Schönem, Aufregendem und Hinreißendem“, meint Autorin Constanze Kleis. Nun ja, das kann auch schiefgehen. Der Begriff verweist bekanntlich auf die griechische Sage vom hübschen Flussgottsohn Narziss, dessen Ich-Bezogenheit fatale Folgen hatte. Nachdem er manche Nymphe hochnäsig von sich gewiesen hatte, traf ihn der Fluch, nur noch sich selbst zu lieben. Er sah sein Spiegelbild im Wasser und war verloren. Im Bemühen, sich selbst zu umarmen, ersoff der herrliche Jüngling. In anderen Versionen der Story verschmachtete er qualvoll ob der unerfüllbaren Leidenschaft.

Das, versichert uns die Elle munter, würde einem Narziss der Gegenwart nicht passieren. Er wäre „gefeierter Rockstar oder ein It-Girl“. Er hätte eine Selfie-Stange, einen Twitter-Account, einen begehbaren Kleiderschrank – und mehr Follower als Katy Perry. Das ist (für Nicht-Follower) eine US-Popsängerin, die ihre ungeheure Popularität mit zahllosen Fotos und Filmen auf Instagram, Twitter, Facebook und YouTube befeuert.

Der Profi-Narzisst aus dem Showgeschäft wartet nicht, bis die Fotografen kommen, sondern präsentiert sich selbst dem Volke – so direkt wie möglich. Ganz ähnlich können es auch die Laien treiben, dafür reicht mittleres technisches Verständnis. Mit zum Teil unfassbar dämlichen Videos werden Hausfrauen, die Rühreier braten, und Teenager, die ihre Nägel lackieren, zu bewunderten Youtube-Stars. Eine etwa 20-jährige Blondine mit dem Künstlernamen Dagi Bee quasselt so erfolgreich über Haarefärben und Lieblingspullis, dass sie über zwei Millionen vorwiegend jugendliche Abonnenten damit erreicht. Man kann ihr auch beim Zähneputzen und Kuscheln mit dem verschlafenen Freund zusehen. Wahrscheinlich ist es gerade diese Illusion einer intimen Nähe, die das narzisstische Treiben im Internet zur Lieblings-Unterhaltung macht. Ich klicke, also bin ich dabei.

Sicher, es gibt auch Hasstiraden, manchmal sogar massenhaft, das heißt dann Shit-Storm. Aber diese dunkle Seite der neuen Macht kommt eher anonym daher. Die meisten Reaktionen auf unsere eitlen Selbstdarstellungen sind positiv. Dafür haben wir die „Likes“ erfunden, jene albernen Zeichen mit dem hochgereckten Däumchen, womit sich die Spielkinder des digitalen Universums gegenseitig unterstützen. Magst du meinen Beitrag, mag ich deinen, und wir beide fühlen uns wohl – so lautet die unausgesprochene Verabredung. Doch es gibt nie genug Bestätigung. Stets nagt da ein Zweifel. Warum hat dieses tolle Foto von mir und meiner Gitarre nicht mehr Leuten gefallen? Bin ich etwa nicht schön, nicht gut genug?

Tja, das könnte schon sein. Der narzisstisch gestörte Mensch bleibt „in ständiger Unruhe, Spannung und Unzufriedenheit, getrieben vom Wunsch nach echter Erfüllung, die schon längst auf immer verloren ist“, schreibt der ostdeutsche Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz in seinem Bestseller „Die narzisstische Gesellschaft“. Das Karrieredenken, der gnadenlose Kampf um Profit, aber auch zwanghafte Bemühungen um Jugendlichkeit sowie Diätwahn, Fitnessqual, Markenfetischismus und die Maßnahmen der Schönheitsmedizin sind für den kritischen Wissenschaftler nur Symptome für die Neurosen unserer Zivilisation. Moderne Unterhaltungs- und Kommunikationsmittel dienen einer nie enden wollenden Ablenkung. „Narzisstisch bedürftige Menschen“, so Maaz, „machen sich zu Junkies der medialen Angebote, der Sintflut von sinnloser, überflüssiger und verwirrender Information aus dem Internet und der Erreichbarkeit über das Handy.“

Nun sollte man vielleicht erwähnen, dass der gestrenge Doktor Maaz 1943 geboren wurde und Zeiten kennt, in denen aufdringliche Selbstdarstellung verpönt war. Man war gewiss eitel, aber diskret. Für den Journalisten und Kurator Alain Bieber hingegen, 1978 geboren, sind die digitale Vernetzung und die deutliche Positionierung in den sozialen Medien eine Selbstverständlichkeit. Eitelkeit wird ausgelebt – das sieht man an dem mondänen Porträt mit Perserkatze, das er auf Facebook gepostet hat. Nachdem Bieber den Online-Auftritt des Hamburger Art-Magazins aufgefrischt und die schrille Abteilung „Creative“ beim TV-Sender Arte gegründet hat, ist der Deutsch-Franzose überraschend zum neuen Direktor des Düsseldorfer NRW-Forums ernannt worden. Das Kulturinstitut mit dem altbackenen Namen soll unter Biebers Leitung zum Zeitgeisttempel der Nation werden. Und deshalb geht es in der ersten Ausstellung ab 19. September um das „Ego Update. Die Zukunft der digitalen Identität“.

Während die Senioren der Kulturliga noch über den moralischen Wert der Veranstaltung streiten, sammelt Bieber die Selfies von rheinischen Zeitungslesern. Er hat nichts gegen den Trend zum virtuellen Wunschbild. Ganz im Gegenteil:. „Das digitale Ich ist agil, aktiv – und kreativ“, lässt der dynamische Selbstdarsteller verlautbaren. Das sogenannte Selfie, meist mit ausgestrecktem Arm und einer Handy-Kamera aufgenommen, zeigt den Menschen, wie er sich am liebsten sieht: schlank, lustig, sexy, ein bisschen schräg. Oder lieber seriös? Vorbei die Zeit der unbefriedigenden Porträtserien aus dem Fotostudio. Was dem Selbstbild nicht entspricht, wird sofort gelöscht. Der Rest bleibt im Netz hängen, niemand weiß, wie lange. Aus der menschlichen Grundfrage „Wer bin ich?“ leitet sich für Bieber eine neue Frage ab: „Wer will oder soll ich sein?“

Ja, kann denn Eigenliebe etwa doch keine Sünde sein? Müssen wir nicht dafür büßen wie Schneewittchens eitle Stiefmutter, die ihr Spieglein, Spieglein an der Wand einmal zu oft befragt hat: „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Wir lassen die Frage mal offen. Und schließen mit einem unkommentierten Zitat aus der Bibel (Prediger 1,14): „Ich sah an alles Tun, was unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind.“

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