Zu Daniel Kehlmann neuem Roman „F“ – zwischen Fatum und Familie

Von Birgit Kölgen

Sorry, ich habe den neuen Kehlmann erst gestern ausgelesen. Ein bisschen spät, ich weiß. Dabei ging er doch schon durch die Feuilletons und ist Thema gehobener Small-Talks. Die FAZ-Literaturexpertin Felicitas von Lovenberg hält Daniel Kehlmanns Roman „F“ für „vielleicht seinen bisher besten“, ein „elegant und frappierend leichtfüßig geschriebenes Gedankenspiel“. Der Spiegel online – immer frech – stänkert hingegen: „Dieses Buch ist Firlefanz“. Als Bestseller-Autor, schwant uns, braucht man verdammt gute Nerven. Als Leser kann man es sich gemütlich machen und sich hineinziehen lassen in eine Geschichte, die – und das ist das Entscheidende – trotz ihrer arg verschraubten Konstruktion zu keinem Zeitpunkt langweilig wird.

Das große F, weiß verschwommen auf dem schwarzen Cover, steht für Fatum, das von Zufällen oder Bestimmungen geprägte Schicksal. Aber es steht auch ganz einfach für die Familie Friedland, insbesondere den übergewichtigen Pfarrer Martin und seine zwielichtigen Brüder, die Zwillinge Eric und Iwan. Der mittlerweile 38-jährige deutsch-österreichische Poetik-Dozent Kehlmann, der in Wien, Berlin und sonst wo lebt und seit seiner 2005 erschienenen „Vermessung der Welt“ zu den Global Players der Literatur gehört, versteht es mühelos, das Erhabene mit dem Banalen zu verbinden: Kunstgriff aller begabten Schriftsteller. Er beginnt die Erzählung mit einem Rückblick auf jenen Tag, als die drei Brüder, noch im Schuljungenalter, nach dem Besuch einer mysteriösen Hypnose-Show von ihrem Vater auf der Straße stehengelassen werden. Arthur Friedland macht sich aus dem Staub und wird ein berühmter Autor. Gegen Ende des Romans wird er mit seiner Enkelin einen Jahrmarkt besuchen und dort einen Wahrsager treffen, der kaum noch sehen und hören kann. Es ist womöglich der ehemals erfolgreiche Hypnotiseur, blind und taub wie das Geschick.

Auch die Söhne Friedland, die Kehlmann abwechselnd erzählen lässt, leben im Unwirklichen – jeder ist auf seine Weise ein zutiefst unglücklicher Blender und Täuscher. Der Älteste, Martin, hat im Priesteramt seinen Glauben verloren. Er kompensiert die Frustration, indem er sogar im Beichtstuhl heimlich Kokosschokolade isst und mit dem Geschicklichkeitswürfel Rubik’s Cube an absurden Meisterschaften teilnimmt. Seine Brüder, die Zwillinge, verdienen ihr Geld mit dubiosen Geschäften. Eric hat sich als Anlageberater verspekuliert, stopft Schulden mit Schulden, belügt seine Klienten, betrügt seine Frau und verbirgt mühselig die Panik, als ein Großkunde sein Vermögen zurückfordert. Niemand weiß, wie viel Psychotabletten der Mann schluckt, dass er Gespenster sieht, die ihm Angst machen, und dass im Keller seiner Villa eine Treppe ins Bodenlose führt.

Aber das Schicksal lässt ihn – erst einmal – davonkommen. Es hat es auf seinen Bruder Iwan abgesehen, einen Kunstkenner, der Eric zum Verwechseln ähnlich sieht. Dieser Zwilling gerät irgendwann durch Zufall oder Fügung in eine Messerstecherei zwischen Halbstarken. Realität und Alptraum vermischen sich, und Iwan, der „Ästhet, Kurator, Träger teurer Anzüge“, verschwindet spurlos. Er wird später für tot erklärt. Eric übernimmt für ihn den Nachlass des berühmten ironisch-realistischen Malers Eulenböck, dessen Geliebter der verschwundene Iwan viele Jahre lang gewesen war. Was die Welt nicht weiß, ist, dass der begabte Iwan auch die Erfolgsbilder seines Freundes malte. Selbst nach dem Tod Eulenböcks kamen immer mal wieder angeblich neu entdeckte Werke auf den Markt – geschickt lanciert von Iwan.

Kehlmann geniert sich nicht, die gesellschaftlichen Skandale der letzten Zeit für seinen Roman zu benutzen: das unerhörte Geldversenken, die globale Finanzkrise, die Heucheleien der Kirche, die Jugendgewalt, die Gier des Kunstmarkts, der die schamlosesten Fälschungen so gerne übersieht. Es könnte sein, dass der Zeitgeist in einigen Jahrzehnten ganz andere Sorgen hat. Das würde den Schriftsteller nicht überraschen, der, mitten in der Erzählung, ein Kapitel („Familie“) der Vergänglichkeit widmet. In einer Art Schachtelvision folgt da der schattenhafte Vater Arthur Friedland rückwärts die Ahnenreihe seiner Väter – bis in die Zeiten von Pest und Chaos und unbetäubtem Schmerz.

Unerhörte Schicksale werden da angedeutet, doch sie sind nicht mehr von Bedeutung, der Tod hat alle diese Menschen längst geholt. Und, so betont der Text in Variationen, sie kamen nie zurück. Daniel Kehlmann, der junge Geschichtenerfinder, der die Fakten ins Ungewisse stürzen lässt und sich mit spielerischer Fantasie bedient in Vergangenheit und Gegenwart, wird seinen Lesern hoffentlich noch lange erhalten bleiben

Daniel Kehlmann: F. Roman. Rowohlt. 380 Seiten. 22,95 Euro. Als E-Book: 19,95 Euro. 

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