Auf den Spuren des deutschen Freiheitsdichters Heinrich Heine durch Paris

Von Birgit Kölgen

Paris - Man könnte natürlich zum Eiffelturm fahren. Pardon, Madame, das ist nicht originell! Das macht jeder ahnungslose Paris-Tourist, der mit kurzen Hosen, Rucksack und gezückter Wasserflasche das ästhetische Empfinden der Franzosen beleidigt. Man könnte im Musée d’Orsay die Impressionisten bewundern. Mon dieu, haben Sie die Warteschlangen vor dem Eingang gesehen? Wahre Paris-Liebhaber suchen in stilleren Ecken nach Inspiration. Sie folgen zum Beispiel den Spuren des deutschen Dichters Heinrich Heine (1797-1856), der die heimischen Zensoren gegen sich aufbrachte und viele Jahre, von 1831 bis zu seinem Tod 1856, in der französischen Metropole lebte – wo er auch begraben liegt. Obgleich er oft Heimweh hatte nach der alten Mutter in Hamburg und dem Rhein, an dessen Düsseldorfer Ufern er aufgewachsen war, liebte er doch sein Frankreich, „das geweihte Land der Freiheit“.

Und er liebte eine Demoiselle, die keine Ahnung hatte von Literatur und Politik. Crescence Eugénie Mirat, die er „Mathilde“ nannte und zu seiner Ehefrau machte, war ein frisches Mädchen vom Lande, das im Pariser Schuhgeschäft ihrer Tante als Verkäuferin arbeitete. Und zwar in der Passage des Panoramas, einer überdachten Geschäftsgasse am Boulevard Montmartre, wo die Herrschaften dem Kutschenverkehr und dem Kot der Straße entgehen konnten. Dieses nostalgische Shopping-Center mit seinem bröseligen Pflaster und seinen holzumrahmten Schaufenstern sieht immer noch so aus wie zu Heines Zeiten. Hier treffen sich einige Fans des Dichters an einem Sonntagmorgen mit Karin Füllner, der Geschäftsführerin der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Gesellschaft, und ihrem Mann Bernd Füllner, der das Heine-Portal betreut. Beide sind promovierte Germanisten und ausgewiesene Experten für Leben und Werk des Wahlfranzosen, der seine Passion im „Buch Le Grand“ folgendermaßen zusammenfasste: „Liebe, Wahrheit, Freiheit und Krebssuppe“.

Mit romantischer Poesie („Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“) hatte der studierte Jurist die Herzen gerührt. Und mit revolutionären Texten („Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben…“) hatte er die Mächtigen provoziert. Seine Anhänger jedoch wissen vielleicht am meisten seine liebevolle Ironie zu schätzen. „Wahrhaft überraschte mich die Menge von geputzten Leuten… wie Bilder eines Modejournals“, schrieb er über seine Ankunft in Paris: „Dann imponierte mir, dass sie alle französisch sprachen, was bei uns ein Kennzeichen der vornehmen Welt…“. So viel „köstliche Schmeichelei“ fand er in den Sitten und in der Sprache der Franzosen, da nahm er sich sogleich ein Beispiel und flirtete in der Passage des Panoramas mit einer kleinen Blumenhändlerin – bevor er die 19-jährige Mathilde kennenlernte.

Im heutigen Café L‘Arbre à Cannelle (Zimtbaum), welches einst das berühmte Schokoladengeschäft „F. Maquis“ war, kaufte Heine seiner Angebeteten so manches Naschwerk und verewigte es in seinem „Romanzero“ mit „chinesisch eleganten Arabesken / wie die hübschen Bonbonnieren von Maquis/ im Passage Panorama.“ Mit der Liebsten konnte er nicht so gescheit debattieren wie einst mit den gebildeten Damen im literarischen Salon seiner Berliner Freundin Rahel Varnhagen. Aber sie ließ ihm „die Wogen des Lebens so gewaltig über den Kopf schlagen“, dass er, nach Zeiten als Single im Hotel, mit ihr ein Appartement bezog an der nahen Straße Cité Bergère. Die Nummer 3 sieht heute nach nichts aus – und es wurde auch kein Domizil fürs Leben. Heine, wissen die Experten, zog in Paris häufig um, insgesamt 16 Mal.

Die möblierten, teils recht teuren Mietwohnungen gefielen dem Dichter zu Anfang meistens gut („ein glänzender Ruin“), doch irgendetwas störte ihn dann doch – meistens der Lärm. „Das lacht, das grollt, das trommelt“, nörgelte er in seinen Briefen an Freunde und die „liebste, gute Mutter“. Über vier Jahre, von 1841 bis 1846, hielt er es in der Rue du Faubourg Poissonière 46 aus. Heute ist das die Nummer 72, und im stillen Hof, in den nicht jeder gelangt, erzählen die Füllners vom fast bürgerlichen Glück des Dichters. Ende August 1841, vor einem Duell, bei dem der Hitzkopf leicht verletzt wurde, hatte der zum Protestantismus konvertierte Jude seine Mathilde katholisch geheiratet – in der Kirche St. Sulpice. Fortan war sie „Meine gute, liebe Frau, / Meine gütge Frau Geliebte, / Hielt bereit den Morgenimbiss, / Braunen Kaffee, weiße Sahne“.

Von hier aus ging Heine 1843 auf die berühmte Deutschlandreise, die er in seinem satirischen Versepos „Ein Wintermärchen“ festhielt. Schon die Zollkontrollen regten ihn an: „Ihr Toren, die Ihr im Koffer sucht! / Hier werdet Ihr nichts entdecken! / Die Contrebande, die mit mir reist, / Die hab ich im Kopfe stecken.“ Ein Jahr später – Heine wurde als „Wüstling“ von den Preußen steckbrieflich gesucht – reiste er mit dem Dampfboot von Le Havre aus nach Hamburg, um seinen Verleger Julius Campe und die Familie zu besuchen. Von nun an ging es bergab mit seiner Gesundheit. Die böse Syphilis und ein Nervenleiden, das zu Lähmungserscheinungen führte, machten ihm zunehmend zu schaffen. Nach einem Zusammenbruch im Louvre 1848 verbrachte Heine seine letzten Jahre in der „Matratzengruft“, wie er seine Bettlägerigkeit nannte.

Er konnte nicht einmal mehr die Augenlider offen halten, blieb aber scharfsinnig und kreativ bis zum Schluss. Und er empfing in seiner letzten Wohnung an der Rue (heute Avenue) Matignon Nr. 3 eine hübsche deutsche Anhängerin, Elise, der er den Kosename „la mouche“, die Fliege, gab. „Herzlichen Dank für die viele Liebe“, schrieb er ihr im Sommer 1855, „ach! Wäre ich noch ein Mann, diese Phrase bekäme eine minder platonische Tournüre.“ Am 17. Februar 1856 starb Heinrich Heine. Sein einfaches Grab auf dem Friedhof Montmartre wurde erst 1901 von einem Wiener Verein glühender Verehrer mit einer Büste auf weißem Marmorsockel verschönt, an dem wir Fans heute stehen und Gedichte rezitieren. Sicher hätte er einen Spottvers darauf gemacht.

In die Passage des Panoramas gelangt man über den Boulevard Montmartre 11, Heines Grab befindet sich auf dem Friedhof Montmartre. Informationen über den Dichter: www.heine-portal.de
Heine im Paris
Poetisch zumute: Heine-Jünger am Grab des Dichters auf dem Pariser Friedhof Montmartre.
Foto: bikö

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