Zum zehnten Mal organisiert der schwäbische Galerist Ewald K. Schrade die „art Karlsruhe"

Von Birgit Kölgen

Karlsruhe - Er ist Schlossherr in Mochental. Dort, auf dem grünen Hügel bei Ehingen, könnte Ewald Karl Schrade jetzt am Ofen sitzen, den barocken Lifestyle genießen und in aller Ruhe die Stammkunden seiner renommierten Galerie empfangen. Aber: „Das wäre mir langweilig. Sehr langweilig." Ein Mann wie er braucht auch mit 71 Jahren immer eine Anspannung, ein Projekt, das ihn umtreibt: „Das ist mein Lebenselixier." 1999 machte er mal eben eine schicke Dependance in der Karlsruher Innenstadt auf – und 2004 gründete er in den neu gebauten Messehallen von Rheinstetten die „art Karlsruhe": sein größter Coup. Obgleich die Neider und Miesmacher der Branche es nicht fassen können, boomt die Kunstmesse im Badischen, als hätten die betuchten Sammler des Südens nur darauf gewartet. „Ich habe nie daran gezweifelt", stellt Schrade fest. Heute wird die zehnte „art Karlsruhe" eröffnet – und Gründervater Schrade ist immer noch der Kurator, Macher, Oberbestimmer.

Kurz vor der Eröffnung stehen die Tore für die Anlieferung offen, es zieht gehörig durch die lichten Hallen und Flure der Messe im Karlsruher Vorort Rheinstetten. Mit Hut und gefütterter Lederjacke eilt Schrade durch die Hallen, manchmal saust er auch mit dem E-Mobil, grüßt die Männer hier, gibt den Frauen da allerlei Küsschen und geht zwischendurch an sein Handy, das sich – adäquat – mit Fanfarentönen meldet. Mal geht es ums Catering, mal um die Fotos für die VIP-Lounge, mal um den richtigen Platz für eine Skulptur draußen vor der Tür. Schrade verliert nie die Geduld, eine Atmosphäre von „Kollegialität und freundschaftlicher Nachbarschaft", die ist ihm wichtig.

„Hallo, Junge", schmettert Schrade ins Smartphone: Der Kölner Aktionskünstler H. A. Schult (73), ein Altmeister der Happening-Szene, ist auf dem Weg nach Karlsruhe und wird um 16 Uhr eintreffen. Schults weitgereiste „Müllmänner", aus Schrott und Coladosen geschaffene Kerle, sollen auf dem Skulpturenplatz am Stand der Mochentaler Galerie aufgestellt werden. Bis Schult kommt, will Schrade aber noch schwimmen gehen – 500 Meter mindestens müssen zurückgelegt werden, in einem nahen geheizten Freibad, das Anfang März schon geöffnet hat: „Dann fühle ich mich heldenhaft", grinst er. Seit man seinen verengten Gefäßen ein paar Stents verpasst hat, achtet Schrade mehr auf die Gesundheit. Sogar das Rauchen hat er aufgegeben: „Ich muss mich fit halten." Die linke Hand, kraftvoll, immer in Bewegung, gestikuliert jetzt ohne Zigarette. Es ist übrigens seine einzige Hand. Die rechte verlor er 1960 durch einen Motorradunfall. Eine schockierende Vorstellung – aber für Schrade überhaupt kein Thema.

Dabei war es vielleicht gerade dieser Schicksalsschlag, der seinem Leben eine entscheidende Wendung gab. Nach dem Unfall konnte der junge Mann den gelernten Beruf als Modellschreiner nicht länger ausüben, wechselte in die Versicherungsbranche und fing an, nebenher Ausstellungen zu organisieren. In einer Reutlinger Bankfiliale, wo er ein Versicherungsbüro betrieb, veranstaltete er 1971 die erste eigene Schau – mit Werken von Ugge Bärtle, Erich Mansen und Lothar Quinte. Und weil Ewald K. Schrade nicht nur ein Liebhaber der Kunst, sondern auch ein instinktsicherer Geschäftsmann ist, konnte er sich schnell als Kunsthändler bezeichnen. Kleine Lösungen gab es bald nicht mehr. Mit seiner damaligen Frau Dorothea, einer arrivierten Malerin, zog Schrade 1973 nach Kißlegg ins Allgäu, eröffnete dort die Schlosshofgalerie mit angeschlossener Winterakademie und brachte die Kultur in der Provinz gehörig auf Trab. 1985 zögerten die Schrades nicht, mit ihren Kindern nach Mochental zu ziehen und aus dem maroden Schloss, einst Sommersitz der Äbte von Zwiefalten, die größte und vitalste Privatgalerie des Landes zu machen.

Die heftige Scheidung des beliebten Kunst-Paares erschütterte tout Oberschwaben. In Karlsruhe spielt das keine Rolle, hier lebt Schrade jetzt schon seit vielen Jahren mit der neuen Gefährtin Susanne Zuehlke, wieder einer Malerin. Obwohl die 50-Jährige ihre abstrahierten Landschaften bei einer Münchner Galerie zeigt, hilft sie wie selbstverständlich beim Aufbau des Mochental-Standes. Da leuchten die furiosen Malereien von Walter Stöhrer (1937-2000) und Shmuel Shapiro (1924-1983), eine polierte Stahlskulptur von Erich Hauser zeigt ihre blitzenden Spitzen, eine erdige Bronzefigur von Dietrich Klinge hält die Wacht. Die schwebenden Formen des Malers und Glaskünstlers Georg Meistermann (1911-1990) passen Schrade genauso ins Konzept wie die prallen Idyllen des Berliners Christopher Lehmpfuhl, der die Ölfarbe so fett aufträgt, das fast ein Relief entsteht.

Installationen und computergesteuerte Videos, von denen andere Kuratoren schwärmen, sucht man vergebens. Schrade schätzt Malerei und Skulpturen. Und weil er der Chef ist, dominieren auf der art Karlsruhe grundsätzlich die soliden Techniken. Schon vor dem Eingang türmen sich die schweren, rostigen Stahlhäuser des Ettlinger Bildhauers Werner Pokorny, und die hölzernen Riesen des Bayern Josef Lang stehen an der Bushaltestelle. Auf dem Skulpturenplatz der Züricher Galerie Vertes Modern in der Halle 3 wird eine 3,50 Meter hohe, streng-elegante Kardinalsfigur des Italieners Giacomo Manzù (1908-1991) aufgerichtet – zufällig passend zur Papstwahl. 480 000 Euro soll das Denkmal kosten. Peanuts gegen die zweieinhalb bis drei Millionen Euro, die ein Gartengemälde von Emil Nolde – mit rotem Mohn – am Stand der Düsseldorfer Galerie Schwarzer wert ist.

Klassische Moderne vom Feinsten gehört selbstverständlich zur „art Karlsruhe". Entsprechend betuchte Sammler, versichert Schwarzer, hätten die Karlsruher Messe längst entdeckt. Aber auch gewöhnliche Gehaltsempfänger können sich Kunst in Karlsruhe leisten. Es werden genügend Grafiken und Multiples angeboten. Außerdem ist die Messe auch ein grandioses Museum auf Zeit. Gucken kostet nichts, nur 16 Euro Eintritt. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass man auf einen einhändigen Mann trifft, der wie ein König durch die Hallen läuft und sich über sein Werk freut: Ewald Karl Schrade.

www.art-karlsruhe.de
www.galerie-schrade.de

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