Zum 70. Geburtstag der unbeugsamen Feministin Alice Schwarzer

Von Birgit Kölgen

Werte Herren, entspannen Sie sich! Attacken auf Alice Schwarzer, die ergraute Leitwölfin der deutschen Frauenbewegung, werden von den Damen selbst erledigt. So prangert die Historikerin Miriam Gebhardt in ihrer Streitschrift „Alice im Niemandsland" den „Siebzigerjahre-Gesinnungsfeminismus" an. 349 Seiten lang hackt sie auf der Person herum, die „das öffentliche Bild der Frauenbewegung nach Gutsherrinnenart" bestimme – und damit die Frauen vergrault habe. Wie gekränkt Alice Schwarzer wirklich ist, weiß man nicht. Nach außen zeigt sie ihr breites Lächeln, pfeift auf politische Korrektheit und schreibt für die Dezemberausgabe ihres Magazins EMMA einen Leitartikel über den Islamismus, den sie ohne Zögern als neuen Faschismus bezeichnet. Heute wird die unbeugsame Kämpferin für Chancengleichheit 70 Jahre alt.

Es ist in der jüngeren Generation sehr schick, am Latte Macchiato zu nippen, die Frauenquote abzulehnen und die alte Alice bescheuert zu finden. Kleine Mädchen werden rosa angezogen, Teenies wollen Model werden und lassen sich die Lippen aufspritzen, Emanze ist wieder ein Schimpfwort. Qualifizierte Akademikerinnen stöckeln schick und artig wie Hostessen durch die Büros und ziehen sich mit Mitte 30 freiwillig ins Familienleben zurück – mit der Aussicht auf ein späteres Teilzeitarrangement. Sie finden es toll, frei über ihre Lebensart zu entscheiden, und vergessen ganz, dass sie ohne die Vorarbeit des Feminismus gleich am Herd gelandet wären. Denn so war das in den 1950er-Jahren, als das deutsche Wirtschaftswunder die Wirrungen der Nachkriegszeit geglättet und eine neue spießbürgerliche Ordnung geschaffen hatte.
Alice Schwarzer ging in Wuppertal zur Schule – und hatte eine ungewöhnliche Familie. Sie wuchs nicht bei „Mutti" Erika auf (der Vater war ein unbekannter Soldat), sondern bei den Großeltern, die sie zärtlich „Mama" und „Papa" nannte. In ihrer Autobiografie „Lebenslauf" plaudert die Autorin kunterbunt vom Holzhäuschen am Waldrand, von ersten Kinoerlebnissen mit dem „Schwarzwaldmädel", wobei man saure Gurke statt Popcorn knabberte, und von ihrem Tanzstundenkleid aus hellblauem Tüll. Und sie zeigt viele, sehr viele Privatfotos: Da sieht man eine strahlend hübsche Blondine in rasanten Miniröcken, man sieht sie mit Mutti, Freundinnen und Kindern – und mit Jungs. Offenbar will Alice Schwarzer endlich mit dem Vorurteil aufräumen, dass sie eine verkniffene Lesbierin sei. Um das mal zu klären: Ja, sie lebt seit langer Zeit mit einer Frau zusammen. Und: Ja, sie hat auch Männer geliebt – besonders den sensiblen Franzosen Bruno, den sie 1964 am Strand von Sainte Maxime kennenlernte und sogar heiraten wollte. Er blieb für viele Jahre ihr Gefährte.

Damals war sie nach abgebrochenen Versuchen, Kauffrau oder Sekretärin zu werden, nach Paris gezogen. Dort lebte sie lustig à la Bohème, lernte die Sprache und den Existenzialismus kennen und träumte davon, Journalistin zu werden. Weil Seiteneinsteiger damals durchaus Chancen hatten, ergatterte sie 1966 ein Volontariat bei den Düsseldorfer Nachrichten und wurde, nach einem Intermezzo bei einer Hamburger Frauenzeitschrift, Reporterin der kritischen Lifestyle-Zeitschrift Pardon. Als freie Korrespondentin ging sie zurück nach Paris, machte Interviews mit dem Philosophen und Dramatiker Jean-Paul Sartre, trank Whiskey mit der weisen Simone de Beauvoir („Das andere Geschlecht") und ging mit den Studentinnen auf die Straße. „A bas le pouvoir des mecs", nieder mit der Macht der Macker, schrien sie im Chor – und Alice Schwarzer trug den französischen Aufruhr in die deutsche Heimat.

Der Rest ist Geschichte. In den wilden 70er-Jahren sorgte Alice Schwarzer für reichlich Wirbel. Sie initiierte 1971 die Selbstbezichtigungskampagne „Ich habe abgetrieben" – im Stern, den sie sieben Jahre später verklagte, weil auf den Titelseiten Frauen „als bloße Sexobjekte" dargestellt würden. Dazwischen zankte sie sich im Fernsehen mit Esther Vilar, die in ihrem Buch „Der dressierte Mann" die Frauen als die heimlichen Ausbeuterinnen der Gesellschaft darstellte. Und sie schrieb mit „Der kleine Unterschied" den ersten feministischen Bestseller. Hauptthese: Die Sexualität wird als Mittel zur Unterdrückung der Frau missbraucht. Klar, dass die Brüllwitze nicht auf sich warten ließen. Man beschrieb Alice Schwarzer als „Hexe mit stechendem Blick" (BILD), „frustrierte Tucke" (Süddeutsche Zeitung), „Nachteule mit dem Sex einer Straßenlaterne" (Münchner Abendzeitung). Sie ließ sich nie beirren. 1977 gründete sie ihr eigenes Magazin: die EMMA, die es immer noch gibt – mit weniger Leserinnen, geschrumpfter Auflage, aber voller Entschiedenheit.

Verlegerin, Chefredakteurin und Meinungsmacherin ist bis heute: Alice Schwarzer. In jeder Ausgabe zeigt sie ihr Gesicht – auf Starfotos – und macht Reklame für ihre Bücher. Immer noch lässt sie sich keinen Auftritt entgehen. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, hat sie sogar für die BILD-Zeitung geschrieben – über den Kachelmann-Prozess. Es stimmt, was ihre Gegnerinnen sagen: Alice Schwarzer ist eitel und machtverliebt. Na und? Das sind führende Männer auch und werden dafür nicht von ihren Geschlechtsgenossen diffamiert. Denn, so stellte Alice Schwarzer in einem ihrer Bücher fest: „Männer verstehen etwas von Solidarität und Würde." Tja, Mädels, da müssen wir wohl noch üben. Mit Alices Hilfe. Herzlichen Glückwunsch, große Feministin, und viel Spaß heute bei der Geburtstagsparty. Aus Ihrem Blog, da wissen wir's: „Bis mindestens zwei, drei Uhr nachts wird getanzt. Rock 'n' Roll, was sonst."

Info:
Alice Schwarzers Autobiografie „Lebenslauf" ist als Paperback bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, 460 Seiten, 12,99 Euro. Miriam Gebhardts Streitschrift „Alice im Niemandsland - Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor" gibt es gebunden bei DVA, 349 Seiten, 19,99 Euro. Zum Geburtstag und zum Thema Alter äußert sich Alice Schwarzer in ihrem Blog auf der Website www.aliceschwarzer.de

 

Artikel

Kunst

Wer bietet mehr? Die schicken People von der Kunstfront sind schon ganz erschöpft.
Die Macht des roten Mohns Der Mann aus dem Norden liebte die Blumen: „emporsprießend, blühend,
Die Kraft der Schatten Manchmal ist das Schicksal eines Künstlers so übermächtig, dass man erst einmal davon berichten muss.
Alle Artikel Kunst anzeigen

Literatur

Das Schicksal kann sich täuschen Sorry, ich habe den neuen Kehlmann erst gestern ausgelesen. Ein bisschen spät, ich weiß.
Liebe, Wahrheit, Freiheit und Krebssuppe Man könnte natürlich zum Eiffelturm fahren. Pardon, Madame, das ist nicht originell!
Weiße Feder gefunden Eigentlich traut man sich ja nicht, etwas Fieses über die Bücher von Paulo Coelho zu schreiben.
Alle Artikel Literatur anzeigen

Lebensart

Spieglein, Spieglein ... Hallo, Sie da, zeigen Sie sich mal! Die Zeiten der vornehmen Zurückhaltung sind passé.
Her mit der Glückstüte Irgendwann muss es ja geschehen sein. Ohne es zu bemerken,
Schluss mit hektisch So ein Samstag hat es in sich. Keiner muss ins Büro. Aber alle wissen, was sie zu tun haben:
Alle Artikel Lebensart anzeigen

Reise

Ostfriesisch herb Jeder hat so seine eigene Vorstellung von einer Insel. Wer unter Palmen träumen will, blumenbekränzt, der wäre auf Juist ganz fehl am Platze.
Madam braucht keine Schuhe Nachtfrost droht. Da kann man ja schlecht barfuß laufen.
Ganz schön aufgetakelt Diese Sportler denken immer nur an das Eine. „Kann ich denn da laufen“,
Alle Artikel Reise anzeigen

Glosse

Eher still Kürzlich beschwerte sich eine Leserin, dass wir an dieser Stelle immer nur über das Leben verheirateter Menschen zu berichten hätten.
Büroseufzer Sie ist so nett, unsere neue Technik. Sie lässt den Menschen nicht länger allein mit seinem Unvermögen.
Boutiquenzwang Es soll ja Frauen geben, die das Einkaufen hassen.
Alle Artikel Glosse anzeigen

Portrait

Das Mädchen und die Macker Werte Herren, entspannen Sie sich! Attacken auf Alice Schwarzer,
Auch die Kunst braucht einen Macher Er ist Schlossherr in Mochental. Dort, auf dem grünen Hügel bei Ehingen,
Immer nur lächeln Man kann die Geschichte des Hoteliers Hermann Bareiss nicht erzählen
Alle Artikel Portrait anzeigen