Auf der Royal Clipper träumen die Landratten unter weißen Segeln vom Abenteuer

Von Birgit Kölgen

Royal KlipperDiese Sportler denken immer nur an das Eine. „Kann ich denn da laufen“, fragt Mariella aus Wien auf dem Weg zum Hafen vor Rom. Nun ja, schon. Treppauf, treppab, über vier Decks. Vom Diningroom zur Brücke, von der Kabine zur Tropical Bar. Das macht jeder, der mit der Royal Clipper reist. Denn dieses Schiff hat 42 Segel, aber keinen Aufzug. Mit ihren 134 Metern Länge und 16 Metern Breite ist die Royal Clipper ein Winzling neben all den schwimmenden Wohnblocks, an deren All-Inclusive-Komfort sich das Kreuzfahrtpublikum gewöhnt hat. Um es gleich klarzustellen: Es gibt hier keinen Joggingpfad und kein Open-Air-Kino. Keine Themenrestaurants und kein Revuetheater. Kein Casino, keinen Kinderclub und keinen Tennisplatz ganz oben. Das Schiff an sich, vor 13 Jahren nach dem Vorbild des legendären Fünfmastseglers Preußen gebaut, ist die große Attraktion, das pure Abenteuer, das Unterhaltungsprogramm für bis zu 227 Passagiere.

Captain Sergey Utitsyn, ein kräftiger Russe aus Estland, interessiert sich nicht für Tanztees und anderen Schnickschnack. „We are here to sail“, brummt er und lässt die Segel setzen. Beim Auslaufen dröhnt dazu – jedes Mal – die Filmmusik aus dem Kolumbus-Film von Ridley Scott: „1492 – Conquest of Paradise“, die Eroberung des Paradieses. Mächtige Chöre heben die Schiffsgefühle, ein kleiner Welteneroberer steckt ja auch in uns Schreibtischtätern. Mit den Segeln bläht sich der Stolz im Wind – falls es denn weht auf dem hochsommerlichen Mittelmeer zwischen Capri und Korfu. Die Maschinen kommen unterstützend zum Einsatz und bei völliger Flaute. Und damit auch die letzte Landratte kapiert, dass die 42 Stoffe an den fünf Masten nicht der Dekoration dienen – wir sind hier jenseits von Disneyland – macht der Captain auch schon mal ein öffentliches Manöver. „All hands on deck!“ heißt es dann, und ein paar schwitzende Passagiere ziehen unter Aufsicht von Matrosen an den Leinen, ein alter Stammgast darf ans Steuer. Kein leichter Job, heißt es. „It’s not a bycicle“, ein Schiff ist kein Fahrrad, poltert der Captain, „we still have to catch wind“, wir müssen noch Wind fangen. Es knarrt und quietscht, und langsam dreht sich die Nase des Schiffs nach links. Pardon, der Bug, nach Backbord. „She’s lovely, lovely moving to portside“, herrlich, wie sie sich nach Backbord bewegt, ruft der Captain. Sie, denn: „The ship is a lady“, das Schiff ist eine Dame, elegant und etwas kapriziös.

Aber der Captain hat noch einen anderen Satz: „The ship is a doctor“, das Schiff ist ein Arzt. Wollen wir mal hoffen, es hat nämlich keinen Arzt – so nah an der Küste wird das nicht für nötig gehalten. Jeden Tag, verspricht der Captain, würden wir uns sowieso besser fühlen. Na, mal sehen. Die Kabine, ausgestattet mit Mahagonimöbeln, Messinglampen und einem kleinen Marmorbad ist jedenfalls kuschelig auf nostalgisch-maritime Art. Hier kann man in Ruhe lesen – der altmodische Fernseher zeigt Magazinbeiträge in endloser Wiederholung und hat keine Verbindung zur Unterhaltungswelt. Die zwei Bullaugen bleiben geschlossen, wir sind hier nah am Wasser und nicht auf Deck 12 eines der Big Monsters, wie Captain Sergey die großen Kreuzfahrt-Konkurrenten zu nennen pflegt. Das Meer bleibt ruhig in den meisten Nächten und schaukelt uns sanft in den Schlaf, während die Klimaanlage schwächelt.

Am nächsten Morgen, bevor die große Hitze jede Bewegung lähmt, gehen Mariella und die anderen Sportler zur Frühgymnastik in die Tropical-Bar. Ein junger schwedischer Vorturner, der stark an Prinz Harry erinnert, bevorzugt Liegestütze und andere Kraftübungen aus der Kadettenschule. Ich hebe morgens lieber meine Teetasse als das eigene Gewicht. Gern würde ich mich ein wenig in den Schatten legen, aber die paar Plätze unter der Plane auf dem Sonnendeck sind längst von dösenden Mitmenschen oder deren Requisiten belegt. Man soll die blauen Plastikliegen, die so gar nicht zum feinen Teakdeck passen wollen, immer wieder räumen. Aber niemand kümmert sich um die Einhaltung dieser Regel. In der Sonne grillen wie ein paar dunkelbraune Italienerinnen in glitzernden Pailletten-Bikinis mögen empfindliche Bleichgesichter nicht. Die Nasen werden rot. Und es gibt im Bordshop an der Rezeption zwar Ringelshirts mit Royal-Clipper-Stickerei, aber keine Sonnenmilch: „So etwas haben wir hier nicht.“ Anita Benedetti, die energische deutsche Hotelmanagerin, weiß trotzdem Rat. Gäste von der vorigen Tour haben irgendwo eine Flasche Nivea mit Schutzfaktor 30 stehenlassen. „Können Sie behalten.“ Seemannsdank. Gut eingecremt, kann ich mich auf das luftigste Plätzchen wagen – ins Netz vorne am Bug.

Ein paar britische Gentlemen mit Safarihüten lassen sich derweil von dem indischen Matrosen Prabhakar im Schiffsknotenknüpfen unterweisen. Andere ziehen sich in die gekühlte Bibliothek zurück, wo das Bild von Königin Silvia, der Taufpatin des Schiffes, über einem Kamin mit künstlicher Flamme lächelt. Das macht müde. Aber es gibt ja die Challenge des Tages. Den Mutigen gehört der Hauptmast. Unter Aufsicht der Sportjungs darf man, angeseilt, die Strickleiter hinauf klettern bis zum Ausguck 18 Meter über dem Meer, auch Krähennest genannt. Toll, da oben zu stehen. Blöd, wenn das keiner fotografiert. Aber egal: Mastkletterer haben sich ihren Lunch verdient.

Mittags gibt es ein Büffet mit vorwiegend leichten Speisen, abends wird im plüschigen „Clipper Dining Room“ ein mehrgängiges Menü serviert: Salat, Süppchen, Sorbet, Fisch oder Fleisch, Dessert. Die Bordküche kocht gut, aber nicht besonders ambitioniert. Der Service ist freundlich und locker, die Platzwahl frei, man kleidet sich sportlich-entspannt. Wer Galas will, muss andere Kreuzfahrten machen. Hier wird nur das Schiff aufgetakelt. Das trägt zur Entspannung bei. Nach dem Dinner würde man sich allerdings über ein wenig professionelles Entertainment freuen. Der einsame Musiker Gabor aus Ungarn, mal am Keyboard, mal am Klavier, neigt eher zur Beiläufigkeit. Um in der Tropical Bar mit den ungemütlichen Hockern und Klappstühlen die abflauende Stimmung zu heben, animieren die dreisprachig bemühte Kreuzfahrtdirektorin Monja und die flexiblen Sportjungs allabendlich zu einer Mitmachshow. Karaoke, Limbo, Polonaise, Piratenspielchen und eine Modenschau mit den Shorts aus der Bordboutique – ein paar Cliquen aus Luxemburg und Amerika finden das zum Kreischen komisch, zwei feine Damen aus Düsseldorf ziehen sich indigniert zurück.

Aber wir wollen nicht meckern, sondern lieber nach oben gehen, aufs Sonnendeck. Da ist es nämlich nachts am schönsten, wenn das Schiff leise durch die Wellen gleitet. Ein paar Segel sind gehisst, und der Blick durch die Takelage hinauf in den Sternenhimmel weitet das Herz. Sie ist ein echtes Traumschiff, die Royal Clipper! Die Landausflüge, obwohl sie ohne das übliche Gedränge ablaufen, haben weniger Bedeutung bei dieser Reise. Es ist ohnehin viel zu heiß – zum Beispiel in Sizilien. Ich fahre mit dem Tenderboot nur ein bisschen hin und her und bleibe dann nachmittags an Bord der Royal Clipper, die vor Taormina ankert. Die Marina-Plattform am Bug wird endlich ausgeklappt. Von hier aus kann man sich unter Aufsicht der Sportjungs in die blauen Meeresfluten stürzen und schwimmen oder schnorcheln und die Planschbecken auf dem Sonnendeck vergessen. Das ist wahre Meereslust.

Bildunterschrift: 

Unter vollen Segeln: Die Royal Clipper ist das größte Passagiere-Segelschiff der Welt. Foto: bikö 

www.star-clippers.de



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