Frag den Abendwind ...

Mon dieu, woher kommt sie nur, diese zähe Amour für das Französische, die mich seit frühester Jugend erfüllt? Non, Mesdames et Messieurs, ich hatte niemals eine Beziehung zu einem leibhaftigen Franzosen. Zum Glück. So blieben meine Gefühle toujours ungetrübt, seit mein Lieblingsindianer Winnetou 1963 in dem französischen Nachwuchs-Schauspieler Pierre Brice, einem Baron von Geburt, seine berühmte, absurd edle Gestalt annahm. Ich war neun Jahre alt und fortan den Franzosen verfallen. Kein blonder Hans konnte in mir je etwas anderes als Freundschaft auslösen. Ich wollte schnell erwachsen werden und so melancholisch wie die Pariserin Françoise Hardy (die schon 19 war) dem Abendwind mein Lied entgegenhauchen.

Bedauerlicherweise wurde ich zu groß, zu blond, zu breit in der Hüfte. Auch mein schwarzes Maxikleid mit der schrägen Knopfleiste machte mich nicht zur existentialistischen Diseuse. Aber der Zeitgeist der Endsechziger war mit mir einig und strebte zum apart Französischen, fort vom peinlich Germanischen. Udo Jürgens hatte schon 1966 recht halbfranzösisch beim Grand Prix der Eurovision reüssiert: „Merci, merci, merci für die Stunden, chérie“. Man liebte Edith Piaf, Georges Moustaki, Juliette Gréco, Charles Aznavour. Man weinte, wenn Barbara ihr Versöhnungslied für „Göttingen“ sang. Und obwohl ich in der Schule nur saumselig meine Vokabeln übte, so lernte ich die Chansons doch mit Leidenschaft auswendig. Non, je ne regrette rien ... Ich bereute nichts. Nur dumm, dass ich mich mit meinen Chanson-Zeilen nicht verständigen konnte, als ich 1969 zum ersten Mal tatsächlich nach Paris reisen durfte.

Mein frankophiler Onkel, der jüngere Bruder meines den Franzosen gänzlich abgeneigten Vaters, nahm mich mit – au milieu, an die Place Pigalle. Da kackten die Tauben auf die Fensterbänke des billigen Hotels, und die Kakerlaken krabbelten über die Filzdecke. Onkelchen fand das normal, er hatte wilde Studienjahre in Paris verbracht, seine rothaarige Ex-Freundin Solange führte uns durch die damals noch stark verrußten Rues. Da ich bis dahin nur Strandurlaub auf ostfriesischen Inseln kannte, war ich eher überfordert vom Pariser Leben und vom bitteren Geschmack des Café crème. Aber ich wusste: Ich liebte es, und ich würde es erforschen.

Immer wieder bin ich nach Paris gefahren. Wilde Studienjahre an der Seine kamen für mich nicht in Frage, aber sehnsüchtige Tage. Alain Delon ist mir nicht begegnet. Aber alle Jungs, die ich mochte, sahen zumindest französisch aus. Auch der spätere Gatte betörte mich mit schwarzen Haaren und einem Charme, den ich quasi französisch fand. Immerhin sang er im Büro, wo wir uns kennenlernten, wie unabsichtlich den Refrain von „Chanson d’amou-ou-our, radadadadaa“. 20 Jahre später wählte unsere Tochter Kathi den Französisch-Leistungskurs und ging nach dem Abitur nach Paris. Für eine Weile, so war es geplant. Doch sie verliebte sich. In die Stadt, in die Lebensart, in die Männer. Bis heute lebt sie dort und ist eine echte Pariserin geworden. Unsere beiden Enkel sind kleine Franzosen. Ich besuche sie oft und bin schon ein Profi als grand-mère im Pariser Alltag. Meine Erfahrungen sollen diesen Blog beleben. Was daraus wird? Da kann ich nur mit Françoise Hardy sagen: Frag den Abendwind ...

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