Die grandiose Indifferenz

Werte Freunde des Pariser Lebens, wir müssen jetzt ganz tapfer sein. Unsere Liebe zum Nachbarland beruht nicht gerade auf Gegenseitigkeit. Nur wenige Franzosen singen auf Rheindampfern mit Tränen in den Augen das Lied von der Lorelei, wie es rührende japanische Touristen tun. Nein, der Français hält Frankfurter Würstchen und Wiener (!) Schnitzel für typisch deutsche Gerichte. Und die sind dégoûtant. Viel zu fettig, wie unser ganzes Image. Außerdem: Welcher Franzose kann schon ein Wort wie Würstchen aussprechen? In der Schule entscheiden sich nur noch die Uncoolen für den anstrengenden Deutschunterricht. Zwei Feiertage und zahllose Monumente erinnern beharrlich an das Feindbild der Weltkriege. Das Ergebnis ist nicht sehr schmeichelhaft für uns. So erklärte vor Jahren eine reizende, wohlerzogene Kommilitonin meiner Tochter, sie sei noch nie in Deutschland gewesen. Da sei doch alles grau, und die Menschen marschierten im Stechschritt.

Eh oui, ein bisschen Stechschritt zuckt vielleicht tatsächlich in uns. Umso dringender wollen wir einen entspannten und kultivierten Eindruck machen. Paris ist das Trainingsfeld für unsere Weltgewandtheit. Natürlich üben wir nicht am Eiffelturm, wo aufgeregte Rucksackträger in kurzen Hosen ihre Selfies knipsen. Nein, wir bummeln links der Seine durch Saint-Germain-des-Prés, wo in unserer Jugend die Philosophen ihre Depressionen in Pastis ertränkten und das Hotelzimmer 90 Francs kostete. Das waren etwa 30 Mark, Messieurs-Dames, in meinem Fotoalbum klebt noch eine alte Rechnung. Heute lassen sich dieselben Herbergen ihren pittoresken Drei-Sterne-Charme mit Luxusraten bezahlen, und im Café Les Deux Magots bestellen verwirrte Amerikaner das petit-déjeuner des Hauses mit einer Auswahl winziger Backwaren und einem Klecks Konfitüre für 26 Euro. Ohne Ei, aber mit Aussicht auf extravagante Passanten und die Kirche Saint-Germain. Wie dem auch sei, das Flair des Viertels ist zauberhaft geblieben. Und es gibt da ein paar Tipps.

Frühstückende Franzosen ordern im Deux Magots nur ein pures Croissant oder eine Tartine, das knusprige Stangenbrot mit Butter für 3,80 Euro. Bien sûr, wir kennen uns aus. Aber malheureusement machen wir den anmutig arroganten Kellnern in ihren schwarzen Fräcken nichts vor. Sie fragen uns gleich auf Englisch, wo wir sitzen wollen: „Inside or outside?“ Dabei klang unser „Bonjour“ doch fast echt. Aber wir haben eben das falsche Format. Wir stoßen mit dem Hintern an die Lehnen dieser zierlichen Stühlchen. Wir tragen die Riemen unserer Handtaschen aus vulgärem Sicherheitsbedürfnis quer über der Brust. Wir grinsen blöde vor Freude über das glasklare Wetter und beißen lüstern ins Baguette.

Dergleichen würden wahre Pariser niemals tun. Sie verhalten sich gleichgültig gegenüber den Leckereien und Leidenschaften des Alltags – wie der Titelheld aus Marcel Prousts Novelle „L’Indifférent“ gegenüber der entflammten Madeleine. Sie zeigen „ennui“, diese gewisse Langeweile, einen gepflegten Überdruss wie der Held in Albert Camus’ Roman „L’Étranger“ („Der Fremde“). Sie richten ihren Blick in unbestimmte Fernen, und wir können nur bewundern, wie sie von Zeit zu Zeit ganz ohne hinzusehen auf dem Bistrotisch die Kaffeetasse finden und mit eleganter Gebärde zum Munde führen. Wenn wir das versuchten, gäbe es gleich Scherben. Schon unangenehm genug, dass uns die Jacke von der Stuhllehne in den Taubendreck gerutscht ist und jetzt von einem Kellner flink, aber verächtlich abgewischt wird. Oh, là, là, wir müssen noch viel üben, bis wir sie beherrschen, die grandiose indifférence, die Pariser Kunst der Gleichgültigkeit.

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