Die süße Höflichkeit

Jetzt wird es kompliziert, Mesdames et Messieurs, werte Forscher auf dem Feld der Pariser Eigenarten! Denn die andere Seite der im letzten Blog-Beitrag gewürdigten indifférence ist die Kunst der überschwänglichen Kommunikation. Dass der Pariser sein Schokoladencroissant und den tölpelhaften Touristen mit eleganter Gleichgültigkeit übersieht, hindert ihn nicht daran, im gesellschaftlichen Umgang ein bühnenreifes Pathos zu entwickeln: „Ah, Madame, welche Freude! Ich bin überwältigt, Sie hier zu treffen!“

Tja, da zucken wir zurück. Schließlich müssen wir sogar die adäquate Begrüßung unserer Kunden erst in Kursen für Qualitätsmanagement auswendig lernen: „Willkommen in der Firma X! Hatten Sie eine gute Anreise?“ Das klingt gewöhnlich eher leiernd, denn sie liegt uns nicht im Blute, die perlende Höflichkeit. Nach einem Aufenthalt in Frankreich fällt das besonders auf. Zurück im Büro, hört man nur: „Na?“ Vielleicht noch: „Wie war’s?“ Mon dieu! Das wäre in Paris nicht passiert. Schon Heinrich Heine, unser Freiheitsdichter im Exil, stellte 1854 fest: „In den Sitten und sogar in der Sprache der Franzosen ist so viel köstliche Schmeichelei, die so wenig kostet und doch so wohltätig und erquickend ist.“

Gespreize von gestern? Keineswegs. Von meiner Tochter Kathi, der Wahl-Pariserin, habe ich gelernt, dass auch moderne junge Leute einander mit Liebreiz umgarnen, statt „Hi, was geht ab?“ zu raunzen. „Oh“, rufen Kathis Freundinnen schon quer übers Trottoir, „bonjour, ma belle, meine Schöne! Ich bin absolut entzückt, dich zu sehen!“ Auch die wildfremde Frau Mama(n) zu sehen, sind sie entzückt und geben mir gleich drei bis vier Küsschen, sogenannte bises. Das heißt, sie küssen nicht mich, sondern die Luft neben meinen Wangen – und zwar zuerst neben der rechten, dann neben der linken und wieder zurück. Dabei muss ich den Kopf anmutig hin und her schwingen und bloß nicht so steif gucken, sagt Kathi. Und auch, wenn ich die Damen nur ganz flüchtig kenne, jauchze ich inzwischen routiniert, was der Franzose so zu jauchzen pflegt: „Oh, wie lange hat man sich nicht gesehen! Man hat sich so viele Dinge zu erzählen!“

Eigentlich will man gar nichts erzählen, zumal die klobige deutsche Zunge sich gern im Französischen verklemmt. Aber die charmanten Bekannten meiner Tochter lassen nicht locker und fragen, wie es mir am Tag ergangen sei und wie ich das neue Museum der Louis-Vuitton-Stiftung fand, und ich schwärme, äh, „ça me coupe le souffle“, das sei atemberaubend. Wenn ich von der ätzenden Warterei und den Kontrollen am Eingang erzähle, dann löse ich das dramatische Vokabular aus: „Quelle horreur! Was für ein Graus! Beklagenswert! Welche destabilisierenden Gefühle müssen Sie gehabt haben!“ Na ja. So schlimm war’s nun auch wieder nicht. Aber man produziert weiter den süßen Schaum der Worte und versichert sich gegenseitig der vorzüglichen Hochachtung.

Das ist zwar Quatsch, aber wohltätig und erquickend. Heine hatte es erfasst. Auch seine Poetenseele, „die arme sensitive“, schrieb er, zog sich zusammen „vor vaterländischer Grobheit“. Jawohl, ihr Mitmenschen in der herben Heimat! Wenn schon nicht die Luft neben meinen Wangen geküsst wird, will ich doch ein bisschen mehr hören als „Na?“ Sonst fühle ich mich destabilisiert. Quelle horreur!

  

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