Relativ pünktlich

Das Pariser Gefühl ist eine treulose Erscheinung. Fast wäre es mir in den letzten Monaten entfleucht wie die letzten Töne eines melancholischen Chansons. Unsere Tochter Kathi hat nämlich einen neuen Gefährten und nur eine kleine Wohnung in einem krassen Immeuble am Bahnhof Montparnasse. Und da es mit dem noch unvertrauten Schwiegersohn dann doch etwas eng wird, sind wir nur selten kurz zu Gast bei der famille recomposée, (Anglizismen wie Patchwork sind in Frankreich verpönt). Jetzt gerade dürfen wir endlich mal wieder zehn Tage Pariser Alltag erleben – man braucht uns zum Enkelhüten, weil Kathis Liebchen eine Reise nach Afrika macht.

Das heißt, er kam dann erst mal wieder überraschend zurück. Denn er hatte – Mon dieu! – das Flugzeug verpasst und musste auf den nächsten Tag umbuchen. Nur „une minute“, wird uns versichert, sei er zu spät gekommen. Eine Minute zuvor, er schwört's, sei dieser Check-in-Schalter noch nicht geschlossen gewesen. Nun ja. Kathis Liebchen hatte sich für den Aufbruch reichlich Zeit gelassen und aß noch in aller Ruhe ein Stück Ziegenkäse, während die deutschen Schwiegereltern schon verstohlen auf die Uhr guckten. Dabei ist das Verzögern gewöhnlich kein Problem in Paris. Denn hier herrscht eine spezielle Relativitätstheorie.

Relativ schnell laufen die Pariser durch die Straßen, denn man ist stets zu spät aufgebrochen. Wer bummelt, ist Tourist und wird in scharfem Ton verscheucht : „Pardon!!!!“ Pariser haben immer, wie unser voriger Schwiegersohn zu sagen pflegte, "trente-milles choses à faire“, 30 000 Sachen zu erledigen. Zuerst mal müssen sie die Kinder zur Schule bringen und dann sofort ins Geschäft. Es sei denn, sie treffen Bekannte vor der Schule. 

Dann werden die obligatorischen drei Küsschen gegeben, bisous müssen immer sein, und dann wird ausführlich erzählt, wie überaus eilig man es hat und was für einen Stress, es ist incroyable, nicht zu glauben. Sehr gerne gehen die Damen unter den Eilenden dann noch zum Schnattern ins Café Madame nebenan – aber nur „une minute“, versteht sich. Im Sinne von 20 bis 30 Minuten. Wäre der nächste Termin ein Flugzeug, so hätten sie es verpasst. Aber meistens bleibt man ja auf Pariser Terrain, und da meint man es mit der Pünktlichkeit eben nur relativ ernst.

Sogar die reizende Concierge der Schule, die uns ermahnt, genau um „douze moins dix“, also um zehn vor 12, den kleinen Enkel zum Mittagessen abzuholen, schließt die Tür erst kurz vor 12 auf. Merke: Pariser Zeitangaben sind stets genau, aber nicht ernst gemeint. Zehn vor 12 heißt so viel wie ungefähr 12, möglichst nicht später, ist aber auch nicht so schlimm. Das Bringen und Holen der Kinder zieht sich jeweils mindestens eine halbe Stunde lang hin. Vorsitzende deutscher Elternpflegschaften hätten die Schulleitung längst auf Einhalten der Zeitabsprachen verklagt. Die Pariser machen auch nichts draus und nutzen das Warten zum Küsschengeben und Schwatzen.

Im Privaten wird Pünktlichkeit sogar als unangenehm empfunden. Die Eltern unseres ersten Schwiegersohns pflegten sonntags um halb eins zum Brunch einzuladen, waren aber geradezu bestürzt und hatten den Tisch noch nicht gedeckt, als wir (nur beim allerersten Mal) um halb eins vor der Türe standen. Der Rest der Familie trudelte ohne jede Entschuldigung im Lauf der nächsten anderthalb Stunden ein. Das war normal. Wollten wir mit dem verflossenen Schwiegersohn genaue Verabredungen treffen, mussten wir sagen: „Deutsche Zeit!“ Dann war er pünktlich. Aber hoppla, ich schreibe hier, und es ist gleich sieben! Da wollten wir essen, und ich habe noch nicht mal gekocht. Et alors? Na und? Ich bin in Paris. Und relativ gut in der Zeit.

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