Schön leiden

Einen kleinen Vorteil hat es ja, erkältet in Paris zu sein. Man sieht vorübergehend nicht mehr so unpassend deutsch und prall aus. Das Bleiche und leicht Genervte, optisch eher Unspektakuläre ist hier nämlich angesagt. Nur in unserer Fantasiewelt sieht die typische Pariserin aus wie das zauberhafte Wiener Fräulein Romy Schneider in ihrer Rolle als Anne-Claire in Helmut Käutners Tragikomödie „Monpti“ (1957) und trägt atemberaubende Cocktailkleider wie die Amerikanerin Audrey Hepburn als „Sabrina“. Davon träumen vielleicht die étrangers, die Fremden, und wundern sich, dass hier in der rue keine Romy des Wegs kommt.

Eins haben Pariser Frauen mit den Stars der Paris-Fantasie gemeinsam. Sie sind gertenschlank – weil sie grundsätzlich schnell laufen, sich leicht und regelmäßig ernähren und zwischen den Mahlzeiten niemals Kekse essen. Ansonsten geben Sie sich große Mühe, nicht besonders aufzufallen. Stöckelschuhe tragen hier nur ahnungslose Touristinnen, die die Herausforderung der endlosen Trottoirs unterschätzen. Die Pariserin bevorzugt Sneakers oder Stiefel, sonst könnte sie ja nicht schnell genug laufen. Ihre Garderobe ist lässig-dezent: Jeans oder schlichtes Röckchen, Kaschmirpulli, Schals, einfacher Mantel. Bloß keine Muster und schrillen Farben, das gilt als ebenso vulgär wie ein großes Dekolleté. Nicht vulgär ist es hingegen, im Restaurant den Pulli über den Kopf zu ziehen und das weite T-Shirt darunter wie zufällig über die Schulter rutschen zu lassen. Die Messieurs tun, als hätten sie es nicht gesehen. Ein Spiel. Les jeux sont faits.

Zur Koketterie des Alltags gehört auch der Naturlook des Haares. Man lässt es zwar sorgfältig färben, aber in einem glaubhaften Ton wie Honigblond oder Nussbraun. Nur ältere Damen tragen sorgfältig geföhnte Außenrollen. Die jüngeren Frauen bevorzugen den „Undone-Look“. Das Haar offen und wie ungekämmt, als sei man gerade eben aufgestanden. Von Zeit zu Zeit fährt sich Mademoiselle mit den Fingern durch die bewusst zerzausten Locken. Oder sie trägt einen dieser losen, halb aufgelösten Knoten, die aussehen, als wolle man nur eben duschen. So erzeugt die Pariserin eine Art von Intimität, die sehr attraktiv sein kann.

Dazu passt natürlich kein großes Make-Up. Wenn Sie eine Frau mit roten Lippen und getuschten Wimpern im Café sehen, bin ich das. Oder eine andere Amateur-Pariserin. La vraie Parisienne schminkt sich zwar auch, aber nur so, dass kleine Makel verdeckt werden. Auf die Lippen kommt in diesem Winter nur Pomade. Auf gar keinen Fall will man einen aufgetakelten Eindruck machen wie die reichen Russinnen im Deux Magots. Nun ja. Das funktioniert leider nur bei Naturschönheiten. Eine ältere Frau mit Erkältung wie ich braucht ihren Lippenstift, um sich hinaus auf die rue zu trauen. Pardon, Paris!

 

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