Die unglaublich artigen Kinder

In seiner Eigenschaft als deutsches Kind neigt unser kleiner Enkel Aleksander (5) zur Aufsässigkeit. „Nein!“ und „Will ich nicht!“ sind die bevorzugten Reaktionen auf unerwünschte Vorstellungen aus der Erwachsenenwelt wie: „Räum bitte mal deine Dinosaurier auf!“ oder: „Jetzt gibt's Banane und keine Bonbons.“ In seiner Eigenschaft als französisches Kind hingegen kann Aleksander so artig sein wie ein Zwillingsbruder mit ganz anderem Charakter. Und das liegt an der stramm konservativen Erziehung, die im Nachbarland selbstverständlich ist, ohne Pardon. Oui, da graust es unsere freiheitlich gesonnenen Pädagogen: Ein Kind aus Paris hat sich der Erwachsenenwelt anzupassen und nicht umgekehrt.

Vergeblich sucht man hier ein Lokal mit Spielecke und Kinderkarte mit Chicken Nuggets an Ketchup. Ist auch nicht nötig, weil die Kleinen still bei Tisch sitzen, Kabeljau mit Brokkoli essen, nie dazwischenreden und vor allem: niemals herumrennen. Schon in der Crèche, der Kindertagesstätte, lernen die Minis erste Anstandsregeln: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, sogar Karotten, es gibt zum Nachtisch einen Joghurt oder Obst, und nach dem Essen wird Ruhe gegeben. Das Spielen hat seine Zeit, das Herumlaufen im Hof, das Singen im Kreis. Und beim Malen trägt man kleine blaue Kittelchen und bekleckert gefälligst nicht die guten Cordhosen. In der Vorschule werden die über Dreijährigen dann endgültig auf den Ernst des Lebens vorbereitet. Aleksander ist jetzt bei den „Großen“ in der grande section maternelle einer katholischen Privatschule, muss schon erste Rechen- und Schreibaufgaben bewältigen, Choräle singen und vor allem: gehorchen. Beim Abholen am Nachmittag warten die Kinder brav in der Reihe, bis die strenge Lehrerin den Abschied erlaubt. Einzeln. Als unser ungestümer Schatz in der mittleren Sektion mal spontan auf die deutsche Oma zulaufen wollte, ist er mehrfach zurückgepfiffen worden. Weder die Oma noch Aleksander würden derlei Experimente noch einmal wagen. 

Nach der Schule ist man leider gänzlich unbefangen und wird wieder ein freches deutsches Kind. Keine Banane! Nein! Will ich nicht! Lieber Schokolade und ein Kreischkonzert mit dem großen Bruder Theo (8). Kürzlich in der Metro, als sich die beiden Jungs wieder mal lautstark in den Haaren lagen („Wir spielen nur!“) flehte sie plötzlich eine französische Dame auf Deutsch an: „Seid bitte süß!“ Sie meinte natürlich brav. Aber das ist ja zugleich süß. Apropos: Der Kleine sitzt schon seit einer Stunde im Kinderzimmer und spielt ohne Gekreisch mit seinen Dinosauriern. Ich lausche mal. Na klar: Er spricht französisch.

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