Noblesse oblige

An diesem Wochenende konnten wir nicht an die frische Luft in den Bois de Boulogne. Unsere Enkel hatten gesellschaftliche Verpflichtungen, und das ist in Paris nun mal immer am wichtigsten. Theo war gestern bei einem kultivierten Event mit Verkleidung im Wachsfigurenmuseum, wo ein Klassenkamerad im Kreise stummer Prominenter wie Madonna, Ronaldo und Co. seinen Geburtstag feierte. Er sei „heureux d'inviter Théodore“ stand auf der Einladung, der junge Mann sei überaus glücklich, Theodor einzuladen. Alles comme il faut. Der kleine Bruder Aleksander, der letztes Wochenende noch mit bemerkenswerten Ballontieren aus einem geheimnisvollen Geburtstags-„Laboratoire“ mit einem „verrückten Wissenschaftler“ kam, genoß heute Nachmittag einen Event bei einem anderen Freund am Boulevard Saint Germain. Sicher auch in aller Form. Ein Kindergeburtstag in Paris ist keine Chaos-Veranstaltung mit Papa am Grill, verschmierten Schokoküssen und spontanen Prügeleien, sondern ein inszeniertes Ereignis, für das man Fachleute engagiert.

Denn es mag zwar sein, dass der Français grundsätzlich bei Rot über die Ampel geht, aber das Gesellschaftsleben unterliegt eisernen Gesetzen. Die Zwanglosigkeit, die bei uns so vehement gefeiert wird, wäre in Paris nur peinlich. Es gibt keine Partys mit Chips, sondern dîners mit allen Finessen und zugewiesenen Plätzen. Ich erinnere mich, dass ich mal bei der Familie einer Studienfreundin meiner Tochter eingeladen war – und mich fühlte wie in einem Testverfahren: Erkennen Sie die Rituale? Nach der Begrüßung mit dreifachen Küsschen (obgleich man sich natürlich siezt), gibt es zunächst im Salon am Kamin einen Aperitif mit verschärfter Konversation. Gern kommen zwei, drei wildfremde Gäste zur kulturellen Bereicherung hinzu. Niemals den Champagner kippen, sonst geht die Debatte über den Untergang der guten Sitten und den Erhalt der deutsch-französischen Freundschaft noch schwerer über die Zunge! 

Mit dem Essen kann es dauern, die Pünktlichkeit gehört ja nicht zu den französischen Tugenden. Gegen 21.30 Uhr wird man nebenan an die Tafel gebeten und darf auf die Vorspeise hoffen, vielleicht ein paar Austern oder ein Stück fetter Gänseleber. Tja, der deutsche Veganer wäre hier fehl am Platze, besonders, da es zum Hauptgang gewiss ein großes Stück Rind oder Lamm gibt. Saignant, blutig. Die wahre französische Küche ist so traditionell wie die Verhaltensregeln der Bourgeoisie. Und es gehört sich nicht, zu schwächeln. Auch nicht gegen Mitternacht beim Nachtisch, einer warmen Tarte Tatin mit Crème Fraîche. Mein Lieblings-Dessert. Vive la France!

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