Genuss braucht Maß

Non, Madame, es nützt dir nichts, in einem kleinen Düsseldorfer Café namens Gare du Nord zu frühstücken. Croissants hin, Carla Brunis „Little French Songs“ her – wir sind an der Luegallee, und die Kellnerin hat einen osteuropäischen Akzent. Das Pariser Gefühl ist perdu, verloren, sobald man wieder nach Hause fährt, ins pralle, fröhlich pragmatische Rheinland. Da bleibt nur ein Warten und Hoffen auf ein Wiedersehen im Frühling, wenn im Jardin du Luxembourg die impressionistisch arrangierten Hyazinthen blühen und die grün lackierten Stahlstühle endlich wieder von der Sonne aufgewärmt werden, so dass man dort ein wenig sitzen möchte und mit angedeutetem Lächeln ein Lyrikbändchen in der Hand halten (nur so, aus Gründen der literarisch einwandfreien Attitüde).

Ach, dort in Paris würde ich nie, wie jetzt gerade, sonntags in Jogginghosen am Computer hocken, weil ich nachher dringend noch ins Fitness-Studio will. Man muss hier ja ständig an seiner Form arbeiten. In Paris genügt mir das Laufen und Schlendern durch die Straßen, zur Schule der Enkel, zur Kunst, zur kleinen Crêperie im Marais. Und auf dem Pont des Arts bleibe ich stehen und mache das hundertste Foto von dem berückenden Blick auf die Île de la Cité, und ewig fließt die Seine, und kein terroristischer Zwischenfall kann auf Dauer den Zauber dieser Stadt zerstören.

Aber jetzt sind wir wieder am Rhein, wo der Karneval sein furchtbar lustiges Treiben begonnen hat. Der poetische Gedanke hat es gerade etwas schwer. Da kann man nur von den lässig-eleganten Französinnen lernen, die das nicht zueinander Passende selbstverständlich vereinen wie die von der grand-mère geerbte Nerzjacke mit Schlumpfmütze und Turnschuhen. Wir Deutschen strengen uns ja immer so an, alles richtig zu machen. Die Pariser ertragen ihre Versäumnisse und Unvollkommenheiten mit Gelassenheit – sollen doch die ausländischen Geschäftsleute comme fou, wie verrückt, durch den Park joggen. Das Temperament der Pariserin versprüht sich lieber in der conversation mit den Freundinnen im Café.

Nachher trifft sie sich zum Déjeuner mit ihrem Liebsten und bestellt ohne Weiteres ein Steak frites und nachher eine Île flottante, eine treibende Insel aus Eischnee auf einem See aus Vanillesauce. Denn anders als wir deutschen Prinzipienreiter(innen) verkneift sich die Frau aus Paris weder Fleisch noch Fett noch Süßigkeiten noch Alkohol. Sie erlaubt sich den täglichen Genuss. Aber sie bleibt trotzdem schlank, weil sie, im Gegensatz zu uns, Maß halten kann. Keine Schwarzwälder Kirschtorte zwischendurch, keine leergefressenen Chipstüten! Büffets und „All you can eat“-Völlereien gibt es so gut wie nie. Die Portionen in Paris sind nicht bombastisch, aber köstlich. Et voilà: Da lernt man viel über die Kunst der Lebensfreude.

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