Oma, ich habe kalt!

Von Zeit zu Zeit wird unser Enkel Aleksander (5) zwecks Verfeinerung bilingualer Fähigkeiten von der Pariser Vorschule beurlaubt und kommt zur Fortbildung mit Kuschelfaktor nach Düsseldorf. Anders als sein großer Bruder Theo, der durch prägende Aufenthalte chez nous fließend Deutsch spricht, hat Aleks eine charmante Art des deutsch-französischen Kauderwelschs entwickelt. Sehr charmant, leider. Geradezu betörend. Jedenfalls sind wir nach einer Woche mit Aleks sprachlisch nicht très erfolgreisch, eher selbst un peu confuse, ein wenig verwirrt. „Oma, diese lettres nerven mich immer“, teilt mir Monsieur gerade mit, und ich weiß, das Buchstabieren in seinem Wickie-Vorschulbuch macht ihn nervös, meinen kleinen Ritter der Ungeduld. Da widerstrebt es mir, ihn auch noch zu korrigieren, wenn er Formulierungen findet, die auf Erden ihresgleichen suchen – zum Beispiel: „Gib mich die Assiette, Oma, ich habe sie commandiert.“ Soll ungefähr heißen, dass ich ihm endlich den Teller geben soll, den er bestellt, äh, um den er gebeten hat.

Die Sache mit dem Unterschied zwischen mir und mich und den drei Geschlechtern der Dinge im Deutschen kann man sich ja selbst kaum erklären, wie soll man sie einem Fünfjährigen da plausibel machen? Zumal wir auf keinen Fall wollen, dass er seine kindliche Unbefangenheit verliert – das wird schon früh genug passieren, wenn das französische Schulsystem mit seinen straffen Regeln ihn im nächsten Herbst erwischt. Schon jetzt ist er manchmal richtig traurig, wenn ein Buntstiftstrich danebengeht: „Ich habe das nicht gut getut“. „Getan“ will ich spontan verbessern, aber das ist ja auch Quatsch, „gemacht“ meint er ja, aber im Französischen bedeutet „faire“ eben sowohl Tun als auch Machen. Vieles übersetzt der kulleräugige Spezialdenker einfach direkt, und deshalb sagt er beharrlich „Ich habe kalt“ (j’ai froid), wenn ihm kalt ist. Kommt mir derzeit durchaus sinnvoll vor. Schließlich heißt es auch: Ich habe Durst. Oder Angst. Also bitte! Sprache kann völlig unlogisch sein.

Und so fragt der Kleine am Frühstückstisch eben: „Oma, hast du schon den Sel genehmt?“ Und ich weiß, er will wissen, ob ich das Ei schon gesalzen habe. Oder so. Mon dieu, ich glaube, die ernsthafte Spracherziehung vertagen wir lieber auf später. Und hoffen mal, dass Aleks im Grammatikstress seinen Spezial-Kauderwelsch-Zukunftsplan nicht vergessen wird. „Oma, ich mache eine Patisserie mit eine Eisdiele und backe dich eine Tarte au Honig – in Paris und Düsseldorf!“ Mon chéri, die Leben nicht könnte sein plus belle.

 

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