Wir Pflegefälle

Neulich lag Musik in der Luft unseres Viertels. „Volare, oho“ und so. Es war mal wieder Seniorentag auf dem Barbarossa-Platz. Nun, die Senioren hier wirken eigentlich noch ganz frisch. Und auf jeden Fall lockerer als mancher junge Anzugträger auf der Karriereleiter. So ein Seniorentag hätte durchaus eine nette Party sein können. Wir gingen hin, wippenden Schritts. Doch eine Rockband aus unserer Generation spielte da leider nicht, sondern eine Combo mit einem übergewichtigen Sänger, der mit seinem abgedudelten Stimmungsrepertoire gewöhnlich sicher Tanztees im Altenheim beschallt. 

Auf der Suche nach einem Prosecco-Stand schlenderten wir über den Platz. Viele Stände gab es da, aber keinen Prosecco, sondern muntere Broschüren über Hausnotrufsysteme und Erbrecht. Und dazu Berater mit diesem eindeutig pflegerischen Tonfall. „Darf ich Ihnen Info-Material geben“, rief mir eine Blondgelockte zu. Wahrscheinlich hielt sie mich für schwerhörig – und demnächst hinfällig. Wie sich herausstellte, gehörte die rufende Blonde zu einem Krankenpflegedienst „für anspruchsvolle Kunden“. Immerhin anspruchsvoll.

Und die Blonde war großzügig zu ihrer potenziellen Kundin. Ich bekam eine optimistisch azurblaue Tüte mit Geschenken: Kugelschreiber, Papiertaschentücher, Einkaufswagenchip (falls ich es mit dem Rollator noch zum Supermarkt schaffe), Schlüsselanhänger mit der Adresse des Pflegedienstes (falls ich verlorengehe) und: ein praktisches Pflasterkästchen für die Handtasche. „Danke“, stammelte ich. „Möchten Sie ein Muffin?“ flötete die Blonde. Wie feinsinnig, das kann man auch ohne Zähne essen.

„Komm, wir gehen Radfahren, das ist ja nicht auszuhalten“, meinte mein Schatz, statt sich für Vibrafit, das schwingende Gerät gegen Muskelschwäche, zu interessieren. Der Seniorentag erinnerte mich fatal an die Stuttgarter Fachmesse „Die besten Jahre“, wo Menschen mit 50plus (da geht nämlich markttechnisch das Alter los) als lebenswürdig vertrottelte Kundschaft von Treppenliftverkäufern angesehen wurden. Auf einer „Aktivbühne“ (Foto) wurde auch ein bisschen Gymnastik vorgeturnt: Ärmchen hoch!

Weder dort noch hier ging es um Lebensart, berufliche Chancen und angemessene Verdienstmöglichkeiten für vitale und kompetente Menschen in reiferen Jahren. Aber ehe ich beim Nachdenken über diese Zumutung in die Altersdepression verfalle, geht Frau 60plus erst mal Spaghetti essen auf dem Barbarossaplatz. Das ist heute zum Glück kein Seniorentag.  

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