Oma soll sich nicht so anstellen

Psst, der Kleine (3) macht seinen Mittagsschlaf! Mein großer Enkel (5) ist mit Onkel Hans auf dem Minigolfplatz, wo er vermutlich den Schläger als Laserschwert einsetzt. Mir egal, ich genieße – nach einem ausgewogenen Mittagessen mit erkalteten Pommes an Götterspeise – zwei Stunden vollkommener Ruhe. Die Kirchenglocken läuten den Samstagnachmittag ein. Andere Damen meines Alters mögen nun beim Italiener in der Sonne sitzen und Tagliatelle con scampi bestellen, ich habe Ketchup am Ärmel (Bio-Qualität!) und ernähre mich von den Essensresten der Kinder.

Hauptsache, sie sind zufrieden, und unser Dreijähriger, das Engelchen mit den O-wie-süß-Knopfaugen, testet nicht sein Stimmvolumen in der Diele, damit unser Nachbar, ein kultivierter, sehr ruhiger Herr, auch was davon hat. „Ja, ich höre manchmal schon was“, bemerkte er gestern fein, als wir ihn auf der Straße trafen, „die Kinder sind ja sehr lebhaft“. Äh, ja. Wenn dem Kleinen etwas verweigert wird – das dritte Eis, Cognac-Schokolade, fünf Stunden Fernsehen – pflegt er Schreckliches anzudrohen: „Ich kreische!“ Aus pädagogischen Gründen muss ich das häufiger in Kauf nehmen. Dass die Fenster dabei nicht zerspringen wie beim Schrei des schrecklichen Oskarchens in der „Blechtrommel“, wundert mich immer wieder.

Durch schicksalhafte Verknüpfungen bin ich in dieser Woche der quasi alleinerziehende Babysitter. Denn Mama, meine Tochter, weilt zwecks Selbstverwirklichung bei einem Theaterfestival, Opa, mein Gatte, muss dringend ganz woanders arbeiten, und Tante Ucke, meine Schwester, hat sich bös den Fuß umgeknickt: Bänderriss. Auch ich weise einige blaue Flecken auf. Die habe ich mir bei Friedensverhandlungen mit den ständig streitenden Brüdern zugezogen. Als Mutter eines einzigen, artig mit Barbies spielenden Mädchens hatte ich ja keine Ahnung, was es bedeutet, eine Zweierbande Jungs aufzuziehen und sie am Brudermord zu hindern. Nahkampf alle Tage, sag ich nur. Nie wieder werde ich die Nase rümpfen, wenn ich sehe, wie eine Frau mit leerem Blick ein haltlos heulendes Kind hinter sich herzieht. Manchmal versagt eben die Contenance.

Abends, nach einem letzten Scharmützel im Bad („Nein, nicht Zähne putzen!“), bügelt die Oma noch ein bisschen (Wäsche ist immer), stolpert über weggeworfene Legosteine und sinkt bei Einbruch der Dunkelheit erschöpft ins Bett. Kino? Theater? Verabredungen? Gibt’s nicht. Aber wir pflegen immerhin ein häusliches Literaturprogramm. Vor dem Einschlafen lesen wir Wikinger- und Drachengeschichten oder die Abenteuer von Tatz und Tiger, gern auch „Nochmal!!!“, damit die dumme Oma es endlich versteht. Leicht heiser, muss Oma dann noch als Diseuse wirken: „Die Blümelein, sie schlafen …“.  Die Beteiligten hoffentlich auch.

Wenn die Nacht dann still war und die Kinder brav geschlummert haben, und am nächsten Morgen strahlt der Kleine mit seinen O-wie-süß-Knopfaugen und fragt ganz ohne Kreischen: „Hast du auch gut geschlafen, meine Oma?“, dann wird das Herz ganz weit vor Liebe und Glück. Her mit den nächsten Herausforderungen! Ich Oma kann es kaum erwarten.

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