So beautiful

Natürlich sind wir alle dem Tiefsinn verpflichtet und meiden oberflächliche Betrachtensweisen. Allerdings wollen wir dabei gut aussehen. Das ist in der Modestadt Düsseldorf nicht so einfach. Seit ich aus dem ländlich entspannten Allgäu wieder hierher gezogen bin, fühle ich mich von entschiedener Schönheit umzingelt, ja, bedrängt. Manche Frauen, die ich von früher kenne, sehen heute tadelloser aus als mit 38. Man kann ihr Alter kaum noch schätzen. Das ist das Wunder der Spritzen: Botox gegen Zornesfalten und hängende Mundwinkel, Hyaluronsäure gegen Fältchen, Phosphatidylcholin gegen das Doppelkinn.

„In Zeiten metaphysischer Obdachlosigkeit geht (fast) nichts mehr ohne ästhetisches Aufbauprogramm“, meint die bildschöne Münchner Philosophin Rebekka Reinhard dazu. Nun, ich versuche immer noch, meine Zornesfalten als Ausdruck eines markanten Charakters in Würde zu tragen. Bockig verweigere ich die Spritzkur, aber: Ich gehe zur Kosmetikerin. Und ich bin ihr williges Opfer. In Anlehnung an einen Kinoklassiker nenne ich sie insgeheim Irma la Douce. Natürlich arbeitet sie nicht in einer unseriösen Branche wie die Film-Irma, aber ihre sanften Einflüsterungen sind ebenfalls geeignet, die Kundschaft auf liebevolle Art zu ruinieren.

Kaum liege ich wehrlos auf der Heizdecke und lasse mir mit duftendem Peeling und einem rotierenden Bürstchen das Gesicht porentief reinigen, da beginnt Irma mit den Verkaufsgesprächen. Was ich denn so zur Reinigung benutze? Irgendeine Milch? Also, das genügt nicht, flötet Irma, unterstützt von hypnotischer Entspannungsmusik. Man braucht Schaum, Extra Rich Cleansing Foam, um den Staub der Umwelt und der eigenen Absonderungen überhaupt erfassen zu können. Und danach bitte kein No-Name-Gesichtswasser, sondern einen Concentrated Balancing Softener. Der optimiert und verfeinert die Hautoberfläche, damit sie die Wirkstoffe einer aktivierenden Emulsion, wie zum Beispiel dieses innovativen Power Infusing Concentrate aus Japan, sowie einer regenerierenden, nährenden und schützenden Tages- oder Nachtcreme überhaupt aufnehmen kann.

Bei der ersten sogenannten Verwöhnbehandlung, unbefangen noch vom Allgäuer Leben, habe ich Irma gestanden, dass ich Extra-Augencreme doof finde und außerdem was von Niveau benutze. Ihr Entsetzen war so tief, dass ich ihr für dreistellige Beträge eine Revitalizing Supreme Globale Anti-Aging-Cream („Ein Klassiker!“), sagenhafte False-Lash-Effekt-Tusche, die teure Bodylotion von B. sowie ein ganz neues Parfüm abgekauft habe („Das sind ganz Sie!“). Ja: Ganz ich ist die Neigung zu leichtsinnigem Konsum, der sich daheim in einer interessanten Produktsammlung manifestiert. Alles für die Schönheit – im tieferen Sinn.     

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