Alles Nervkram oder was?

Corinna Harfouch, Charakterdarstellerin höheren Ranges, ist jetzt auch 60 geworden. Kein Thema für sie. „Das Altern scheint so ein Massenproblem – vielleicht ein Modeproblem – zu sein“, so wird sie von meiner Tageszeitung zitiert: „Trotzdem nervt mich allzu viel Gerede darüber.“ Liebe, verehrte Frau Harfouch, das sagt sich leicht, wenn man eine umjubelte Schauspielerin ist, hinter deren gepanzerter Deckung „Raubtierhaftes lauert“, wie Starkritiker Stadelmaier in der FAZ zum Besten gab. Was aber machen Ihre weniger charismatischen, weniger prominenten Kolleginnen, die sich als Provinz-Elektra verausgabt und dann der Cliquenwirtschaft eines neuen Intendanten geopfert wurden? Was machen überhaupt all die mittelmäßig erfolgreichen, mittelmäßig begabten Mitglieder dieser Gesellschaft, wenn sie nicht mehr ins ewig junge Konzept passen?

Also nein, wir wollen jetzt nicht larmoyant werden! Kreativität, meine Damen und Herren, ist schließlich keine Frage des Alters. Es gibt sehr schöne Beschäftigungen für rüstige Menschen über 50, meine Tageszeitung berichtet immer wieder wohlwollend darüber. Wer sich engagiert, kann sich weiterbilden, im Internet bloggen, Chinesisch lernen und ehrenamtlich in der Gemeinde allerlei Gutes tun. Er kann auch aus Socken lustige Handpuppen basteln und in Kindergärten lauter Freude verbreiten oder sogar im Rahmen des Seniorentheaters den „Sommernachtstraum“ aufführen. Und außerdem zieht er sich rote Jungsenioren-Hosen an und macht beim Espresso in der Lieblings-Trattoria eine gute Figur. Die ganze Welt ist schließlich Bühne.

Nur dumm, dass sich das nicht auszahlt. In einem Land, wo sogar der Espresso im Stehen 2,30 Euro und ein guter Sitzplatz im Theater an die 40 Euro kostet, können sich nur Erfolgsspekulanten, Immobilien-Erben und Bezieher besserer Beamtenpensionen den kultivierten Müßiggang auf Dauer leisten. Die anderen müssen erst einmal zusehen, dass sie wachsende Mieten und Krankenversicherungsbeiträge aufbringen. Wer sich mit seinem Ersparten, lächerlichen Honoraren, Aushilfsjobs und eventuellen Überbrückungsgeldern bis zur eurogeschwächten Rente retten muss, wird eines Tages nicht mehr viel Spielraum haben, um Kultur und Wirtschaft anzukurbeln, wie das die vorherige Generation noch mühelos konnte. Da bleibt nur das kostenlose Sitzen auf der Parkbank. Der Seniorenklassiker.

Mit dem größten Entsetzen bemerke ich in den Fußgängerzonen dieser Glamour-Metropole immer öfter ganz normale ältere Leute, besonders Frauen, die sich verstohlen umsehen, um dann in Mülleimern nach verwertbaren Dingen zu suchen: Pfandflaschen, eine Tageszeitung und manchmal auch eine Tüte mit einem angebissenen Burger. Da gruselt sich zu Recht der Mittelstand auf der glitschigen Plattform seiner Lebensgewissheiten. Ich fürchte, liebe Frau Harfouch, dass das Altern in dieser Gesellschaft kein Modeproblem ist und dass wir, auch wenn es nervt, noch viel mehr darüber reden müssen.

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