Weitermachen, Baby!

Genug gejammert, ich brauche Aufmunterung. Der November ist grau, die Jugend ist hin, da will ich auf keinen Fall schwarz sehen. Und deshalb ziehe ich mein rotes Jackett an und ein Leo-Halstuch und die lila Pumps und radele zwischen zwei Regenschauern zum Shoppen. Wir haben die Wahl: Im Alter können wir unauffällig werden – oder frei. Frei wie die grandiosen Frauen, die der 32-jährige Modefan und Filmemacher Ari Seth Cohen („Meine Großmama Bluma war meine beste Freundin!“) in den Straßen New Yorks entdeckt. Er fotografiert und filmt sie (Foto: Advanced Style dogwoof)  – und er würdigt ihren „Advanced Style“ in einem viel bewunderten Blog.

Nun gut – einige von Aris ersten Models leben in diesem Moment schon nicht mehr. Weder der junge Mann noch die alten Ladies leugnen die Vergänglichkeit. „Meine Zeit ist begrenzt“, scherzt die Performance-Künstlerin Ilona Royce Smithkin (heute 94) in einem Video, „ich sollte keine grünen Bananen mehr kaufen“. Und dennoch klebt sie sich jeden Morgen ihre extralangen, rot gefärbten künstlichen Wimpern an („aus meinem eigenen Haar gemacht“) und zieht sich knallbunte Blusen an, lila, grasgrün, orange: „Ich bin hungrig nach Farbe“. Natürlich trägt sie auch beeindruckende Ringe und Ketten („Türkis ist so erfrischend“) und wirft sich, wenn sie vor ihren Fans Marlene-Dietrich-Songs singt, eine Federboa um. Ob andere Leute das unangemessen finden, ist ihr ganz egal. „This is me and I enjoy it“, das bin ich, und mir gefällt’s, sagt Ilona und strahlt.

„Nie aufhören neugierig zu sein, nie aufhören, kreativ zu sein und nie aufhören, Spaß zu haben“: Das ist nach Ari Seth Cohens Erkenntnis das Geheimnis der Damen, die sich von ihren Zipperlein nicht beherrschen lassen und das Leben bis zuletzt herausfordern. Ohne ihren dunkelroten Lippenstift, einen extravaganten Hut oder Turban, ein tolles Collier würde die schöne Beatrix nie im Central Park spazieren gehen. „Ich glaube, viele Leute geben einfach auf“, sagt sie, „doch man sollte nie sagen, das oder das kann ich in meinem Alter nicht tragen“. Es sei alles eine Frage des Gefühls. Und man sollte immer verliebt sein – zumindest in die eigene Freude.

Cohens „grandes dames“ sind Jüngerinnen der Gegenwart. Manche ließen sich die Stirn vom Chirurgen glätten, andere lächeln faltenreich. So oder so ist ihr Stil ein Ausdruck von Lebensbejahung. Und sie wissen, worauf es dabei ankommt. Joyce mit dem grauen Haarkranz und dem feinen Lächeln sucht ihren Schmuck und ihre Kleider immer sorgfältig aus, aber „above all“, vor allem, weiß sie, muss man auf etwas Übergeordnetes achten: „the right attitude“, die richtige Haltung. „I'm 87 and I try to look my best everyday", erklärt eine resolute Passantin, die sich am 4. November irgendwo in New York von Ari fotografieren ließ. Da steht sie nun in ihrem Leorock und zeigt der Welt ein Paar knallrote Stöckelschuhe. Great! (Und das ist der Link zu den tollen Ladies: www.advancedstyle.blogspot.de)

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