Stark bemüht

Schon naht der nächste Geburtstag, weniger heiß ersehnt als in ungeduldiger Jugend, als ich vor allem eins wollte: endlich über 30 sein, eine reife Frau. Heute bin ich überreif, aber von innen immer noch irgendwie 30 und nicht bereit für eine altersmilde Ruhehaltung. Es wird weiter gestrebt und gestrampelt. Was wir beharrlich Jungen keinesfalls akzeptieren können, ist drohende Gebrechlichkeit. Und deshalb ziehen wir, den Zipperlein trotzend, in Scharen zum Muskeltraining nach Art des Schweizer Kraftverkäufers Herrn K., der, wenn man den Fotos im Internet trauen darf, auch mit 74 noch lächelnd Baumstämme schultert. „Ein starker und gesunder Körper ist keine Frage des Alters“, behauptet Herr K. und ließ Studios in halb Europa sowie in Australien mit kompliziert konstruierten Kraftmaschinen möblieren, deren Funktion der vorwiegend betagten Kundschaft von knackigen Wächtern des K.’schen Kraftgesetzes eingebläut wird.

Anders als in herkömmlichen Muckibuden gibt es bei Herrn K. kein fröhliches Duzen, kein Posieren tätowierter Bodybuilder vor wandhohen Spiegeln, keine vorwärtstreibende Technomusik, kein Plaudern an der Saftbar. Es gibt nur ein Schloss für einen stählernen Spind sowie ein straffes, vom Orthopäden abgesegnetes Programm, dessen exakte Erledigung nach Pfunden und Sekunden jeder Proband mit Bleistift in ein Klemmbrett-Formular einzutragen hat. Unregelmäßigkeiten werden nicht geduldet. Selbst rheinische Frohnaturen schnaufen schweigend an ihren Geräten. Mein Versuch einer launigen Konversation erstarb jäh beim Probetraining mit dem circa 23-jährigen Herrn L., der mich gleich zurechtwies: „Nun hören Sie mal zu!“ Schon beim Einstellen der Sitzhöhe stellte ich mich so dusselig an („Wo war noch mal der Hebel?“), dass seine Stimme einen geduldig pflegerischen Tonfall annahm. Jedenfalls sprach er ganz anders mit einer jungen Frau vom Typ Kampffliegerin, die er beim nächsten Mal zufällig einwies und die ihre Gewichte so mühelos verschob, als wären es Wattebäusche. „Manche haben ja schon Schwierigkeiten, die Maschinen überhaupt einzustellen“, raunte er ihr zu, obgleich ich mich ganz in der Nähe abplagte. Vermutlich hält er mich nicht nur für lernbehindert, sondern auch für schwerhörig.

Das allerdings hat meinen Ehrgeiz geweckt. In meinem Alter kapiert man die Dinge vielleicht nicht mehr so schnell, aber gründlich. Nun versuche ich  keine launige Konversation mehr, sondern schnaufe schweigend an meinen Geräten mit den unpoetischen Bezeichnungen A4 bis G5. Inzwischen weiß ich auch, wo die Hebel bei F3 sitzen und stelle zackig ein: Gewicht 96 Pfund, Fußstütze 13, Polster 10, Kissen nein, Startposition 3, Bewegungsradius 18. Stellt sich die lokale Erschöpfung erst nach über 120 Sekunden ein, wird das Gewicht um fünf Prozent erhöht. So hat es Herr K. vorgesehen. Bei der ersten Kraftmessung nach zehn Terminen kam ich teilweise schon in die höheren Bereiche meiner Altersklasse. Meine Gelenke finden das zwar nicht so toll, die linke Hüfte und das Knie und die rechte Hand schmerzen am nächsten Morgen, die Zipperlein lassen sich nicht vertreiben. Aber bis zum Geburtstag werde ich womöglich mehr Muckis haben als mit 30. Yes, Sir! Welchen Baumstamm darf ich stemmen?

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