Wat fott es, es fott

Wenn draußen der Frohsinn überschwappt, kann man leicht mal melancholisch werden. Vanitas, rufen die Masken, vergeblich scherzt der Mensch. Aber was bleibt ihm übrig? Schon wieder bin ich ein Jahr älter geworden, und der große Roman der Reife ist immer noch ungeschrieben. Mit Texthäppchen, die auf Zeitungspapier sehr schnell vergilben, füttere ich mein mediokres Autorengefühl. Dafür bin ich am Abend fertig mit der Forderung des Tages – und gehe mit meinem Liebchen schön blöd Spaghetti Carbonara essen. Und womöglich ist uns das Leben gelungen, obwohl das Grandiose beharrlich ausbleibt.

61 ist eine krumme Zahl, aber sie hat trotzdem eine besondere Bedeutung. Denn vor genau 40 Jahren bin ich volljährig geworden. Das ging damals erst mit 21. Kurz danach fuhr ich mit meiner Freundin Britta an die Ostsee. Da stellten wir uns in den Wind und träumten von Freiheit. Ich sehe die Fotos von der jungen Birgit: das Kindergesicht, das entschlossene Lächeln. Und mir fällt ein, was ich unbedingt wollte: Kontrolle über mein Schicksal. Meine Eltern, zum Exzess neigend, sorgten stets für das große, besorgniserregende Drama. Ich hatte vor, ein Boulevard-Stück zu leben: heiter, souverän. Die Beschäftigung mit Sprache und Kunst sollte mich vor den Abgründen retten. Und wenn ich es recht bedenke: Das hat geklappt.

Obgleich mein emotional allmächtiger Vater den Journalistenberuf lächerlich fand, schrieb ich bereits eifrig für eine Lokalredaktion, verschwieg Ängste und Misserfolge und präsentierte meinen gedruckten Namen wie eine Trophäe. Schon durfte ich Theaterkritiken schreiben. Nebenbei wollte ich über Heine promovieren, ich hatte nun, ach, Germanistik und Philosophie durchaus studiert. Mit heißem Bemühn? Nun ja ... Am Ostseestrand 1975 war das noch nicht klar: Aber im Jahr darauf brach ich das Studium nach sieben Semestern ab, weil mir ein Volontariat angeboten wurde. Ein Gehalt! Unabhängigkeit!

Heute, in einer Gesellschaft von Fleißkärtchen sammelnden Musterschülern, bereue ich manchmal, keinen ordentlichen Abschluss gemacht zu haben. Damals war Artigkeit verpönt, man glaubte an Mut, Talent und – Glück. Weil das Timing stimmte, bekam ich mit 24 Jahren meinen ersehnten ersten Job als Kulturredakteurin. Die Kollegen waren meine Freunde, die Redaktion unsere Bastion gegen die Unwägbarkeiten der Ereignisse. Wir pflegten den kritischen Geist und waren gemeinsam stark. Prompt fand ich dort vor circa 35 Jahren auch den Mann meines Lebens. Wir haben eine wunderbare Tochter und zwei süße Rabaukenenkel.

Die Karriere hat mich nicht meine Traumstadt Hamburg geführt, nur ins Ruhrgebiet. Dafür war ich so frei, nach einer Phase der Überanstrengung mit der Familie ins Allgäu auszuwandern, mich selbstständig zu machen und viel frische Luft zu schnappen. Die Zeit verging dabei erschreckend schnell. Sicher habe ich nicht alle Chancen genutzt. Aber mir sind auch viele Zwänge erspart geblieben. Heute wohnen wir wieder in unserer geliebten Stadt am Rhein. Ich schreibe kleine Stücke gegen Honorar, ganz wie mit 21. Nur dass die Zukunft nicht mehr unendlich ist, sondern übersichtlich. Das hat auch etwas Beruhigendes. Heute Abend spielen wir mit Freunden eine Partie Rommé. Die Melancholie ist erst mal vorbei.

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