Paris ma rose

Eine Liebeserklärung an eine Stadt voller Pracht, Poesie und verheerenden Gegensätzen

Als das Grauen seinen Lauf nimmt, in der Terrornacht vom 13. November 2015, sitzt meine schon lange in Paris lebende Tochter mit Freunden beim Essen in ihrer Wohnung nahe dem Bahnhof Montparnasse. Sie hat eine Quiche gebacken, einen Bordeaux aufgemacht, und ich bin sicher, es gibt keine dieser deutschen Gesprächspausen am Tisch. Musik spielt, Gläser klirren, die jungen Franzosen debattieren wie immer mit wortreichem Pathos über neueste Filme, verwehte Amouren und die unerhörten Preise für ein Bio-Hühnchen im Supermarché. Sie lachen und tanzen noch ein bisschen in dem winzigen Salon mit Blick auf Plattenbausünden der 1970er-Jahre, und sie bemerken nichts, bis ein Anruf sie aufschreckt.

Es ist keinem der Bekannten und Verwandten ein Leid geschehen, unsere beiden Pariser Enkel schliefen sicher in ihren Betten. Aber viele andere Familien haben durch die Erbarmungslosigkeit des Zufalls liebste Menschen verloren. Kinder, die verstanden haben, was geschehen ist, was jederzeit geschehen kann, drücken sich auf dem Schulweg an den Häuserwänden entlang, ängstlich um sich blickend. Die Beklommenheit hat sich wieder einmal breitgemacht in der Stadt, die angeblich wie keine andere für Lebenslust und Leichtigkeit steht. Ich habe das immer für ein Missverständnis gehalten. Eine kitschige Vorstellung, genährt von Romanen, Reklame und Revuen, in denen ein Deko-Eiffelturm glitzert und die Demoiselles zum Can-Can ihre Rocksäume schwingen. Das wahre Paris kennt keine allzu gute Laune. Es ist eine leicht überanstrengte, zutiefst melancholische Schönheit, die um das Verhängnis weiß, seit die Euphorie der großen Revolution von 1789 in einem unkontrollierbaren Massaker endete.

Gerade deshalb wird der Genuss zelebriert. Paris, notiert der junge Reporter Ernest Hemingway zwischen den Weltkriegen, sei „Ein Fest fürs Leben“. Seine Hochstimmung stieg, wenn er sich ein Dutzend Austern leisten konnte. Frische Meeresfrüchte auf gestoßenem Eis sind keine Extravaganz in dieser Stadt der feinen Zungen. Und immer noch fließt der Champagner oder wenigstens der Kir, ein preiswerter Wein mit Cassis-Likör, der bevorzugte Aperitif der jungen Pariser. Es wird viel gefeiert – zum Klang wehmütiger Chansons. „Où est passé Paris ma rose“, wo bist du, mein rosafarbenes Paris über der mäandernden Seine, wo sind die Sorglosen von den Quais? Wo ist das rote Paris? Die Kommune der Barfüßigen? – So etwas Ähnliches raunt der Mime und Barde Serge Reggiani auf einer Schallplatte von 1967, und in einer gefühlten Schleife gilt die Nostalgie von heute der Nostalgie von damals. Selbst Jungstar Zaz („Je veux“) singt zu Klampfe und Kontrabass, dass sie keine Suite im Ritz braucht und keine Chanelketten, sondern Liebe, Freude, Freiheit will.

So ist Paris, das seinen Idealismus beschwört, auch wenn die Front National erfolgreich am rechten Rand arbeitet. Grundsätzlich lassen die Pariser auf die heftig errungenen, inbrünstig besungenen Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nichts kommen. Sie haben ein großzügiges Sozialsystem entwickelt, und sie arbeiten dafür hart. Härter, als die deutschen Nachbarn gemeinhin denken. Dennoch trauern sie noch heute um die verlorene Zeit der Müßiggänger und Aristokraten. Sie legen Wert auf kultivierte Mahlzeiten, in jeder Kaschemme werden die Tische zum Déjeuner ordentlich eingedeckt. Sie naschen die nach Rosen und Lavendel schmeckenden Macarons von Ladurée, das bevorzugte Gebäck der taktlosen Marie Antoinette, und sie pflegen die Gärten ihrer Könige, als flanierten dort immer noch die hochtoupierten Marquisen.

Seit der Stadtmodernisierung des Präfekten Georges-Eugène Haussmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Ästhetik der historischen Innenstadt entschlossen bewahrt. Man akzeptiert dafür bröselige Treppenhäuser, marode Etagenheizungen. Pariser schmücken ihre Appartements und Cafés sehnsüchtig mit falschen Kaminen und möglichst echten Louis-Quinze-Kommoden, und sie übersehen die vereinzelten Betonkonstruktionen verwirrter Bauherren zwischen den fotogenen Palästen der Vergangenheit. Die Billigarchitektur der Gegenwart wurde konsequent in Vorstädte verbannt, wo – politischer Sprengstoff – der Verdruss der Unbeachteten und Unterprivilegierten eine mörderische Wut erzeugt.

Wer klug ist in Paris, weiß um die fatalen Gegensätze, um die Gefährdung. Umso mehr liebt man die Stadt, die so unvernünftig aus der Zeit gefallen ist, dass sie jederzeit ohne großen Aufwand als Kulisse für Historienfilme dienen kann. Mag sein, dass es in Saint-Germain des Prés, am linken Ufer der Seine, schon lange mehr Luxusboutiquen gibt als verträumte Antiquariate. Mag sein, dass die Mansarden der Bohème zu irren Preisen an reiche Zugereiste verscherbelt werden und dass die Touristen mehr über Louis-Vuitton-Taschen wissen als über die Philosophie des Existentialismus. Aber das Flair des einstigen Künstlerviertels ist unbeschädigt. Und ich werde mich immer wieder auf die Terrasse des Deux Magots setzen, einen Café Crème trinken und Françoise Sagan lesen, während die Spätzchen von Paris auf verlassenen Tischen nach Croissant-Krümeln picken. Bonjour, tristesse, du süße Traurigkeit.

In Saint Germain hielten sie einst Hof, die Surrealisten und Existentialisten, ihre Mädchen und Musen. Sartre zankte mit seiner Simone, in den Kellern wummerte der Jazz, und Diseusen in schwarzen Rollkragenpullovern sangen von der Intensität des Augenblicks: „Il n’y a qu’aujourdhui“, es gibt nur das Heute. Doch das Gestern ist in Paris allgegenwärtig. Ich wandere von Schauplatz zu Schauplatz. Am versteckten Place de Furstemberg spielte der schöne schwindsüchtige Frédéric Chopin (1810-1849) höchstpersönlich Klavier im Hinterhausatelier des leidenschaftlichen Eugène Delacroix, der den Franzosen 1830 die berühmte Allegorie der „Freiheit, die das Volk führt“ gemalt hatte. Delacroixs Refugium blieb samt Gärtchen erhalten und gehört zu den vielen kleinen Museen, die viel mehr Charme haben als der vom Massentourismus heimgesuchte Louvre.

Wer Paris verstehen will, sollte sich fernhalten vom Spektakel der großen Attraktionen. Wer braucht schon das Gedränge am Eiffelturm, die Selfies vor dem Arc de Triomphe, das millionenfach reproduzierte Lächeln der Mona Lisa? Ich blättere lieber bei „Shakespeare & Company“ in vergilbten Hemingway-Ausgaben und suche die verlorene Zeit in der Passage des Panoramas im zweiten Arrondissement, wo der deutsche Freiheitsdichter und Exilant Heinrich Heine (1797-1856) einst eine reizende Schuhverkäuferin kennenlernte, Crescence Eugénie Mirat, die er „Mathilde“ nannte und zu seiner Ehefrau machte. Das um 1800 erbaute Shopping-Center mit seinem bröseligen Pflaster und seinen holzumrahmten Schaufenstern sieht immer noch so aus wie zu Heines Zeiten, als sich die Herrschaften vor dem Kutschenverkehr und dem Kot der Straßen hierher flüchteten. „Liebe, Wahrheit, Freiheit und Krebssuppe“ fand der Spötter vom Rhein in Paris, und genau das suchen wir immer noch.

Berlin ist jung und wild und fürchtet die Veränderung nicht. Paris bewahrt die Poesie des Bewährten. Der Blick vom Pont Neuf, der berühmten Bogenbrücke, auf die Ile de la Cité und die glitzernde Seine hat einen viele Jahrhunderte alten Zauber. Die  Bouquinisten am Ufer des Flusses verkaufen in ihren verbeulten Buden aus Holz und Blech neben billigen Souvenirs noch immer viele originelle Seiten aus den Büchern der Erinnerung. Im Jardin du Luxembourg steht nach wie vor das Kinderkarussell, das Rainer Maria Rilke 1906 besang: „Mit einem Dach und seinem Schatten dreht / sich eine kleine Weile der Bestand / von bunten Pferden, alle aus dem Land, / das lange zögert, eh es untergeht.“ Und so zögert das ganze impressionistische Paris und will zum Glück nicht untergehen. Die alten Herren spielen Schach unter dem Sonnendach im Park, die Statuetten halten sich souverän auf ihren Sockeln, und an den großen Brunnen ist für jeden müden Flaneur einer dieser grün gestrichenen, anmutigen Stühle frei.

Ich kann es kaum erwarten, wieder nach Paris zu reisen. Ich möchte nicht nur in der Wohnung meiner Tochter nah dem Bahnhof Montparnasse aus dem Fenster auf die Bausünden der 1970er-Jahre gucken. Ich möchte mit meinen Enkeln an einem schönen Sonntag im Jardin du Luxembourg spazierengehen, ein bisschen Ball mit ihnen spielen und dafür sorgen, dass sie die blöde Bedrohung eine Zeitlang vergessen. Ich möchte im Wintermantel auf einer Caféterrasse in Saint-Germain des Prés sitzen, eine heiße Schokolade trinken, mit wortreichem Pathos über neue Filme und verwehte Amouren plaudern und ein Bild des Friedens abgeben.

 

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