Alles so schön flach

 

Seit mein Vater selig uns Kinder jeden Sonntag mit leicht gereiztem Gesang zum Wandern zwang („Im Frühtau zu Berge…“), ist mir das Outdoor-Programm an sich suspekt. Nie mehr Wandern, schon gar nicht auf und ab, das war mein vordringliches Ziel für das Erwachsenenalter. Die sportlichen Herausforderungen während unseres Allgäuer Exils haben mich entsprechend nervös gemacht. Während ich in morgendlicher Sinnkrise vor „Rote Rosen“ mein Marmeladentoast aß, kamen müsligestärkte Mitmenschen bereits dampfend und rotbackig vom Morgenlauf durch den Wald zurück. Eine Provokation für reingeschmeckte Melancholiker. Den ganzen Sommer lang hörte man draußen vor der Tür das penetrante Klack-Klack von Walking-Stöcken, und im Straßencafé unten im Städtchen, wo ich in Ruhe meinen Zwischen-Cappuccino trinken wollte, hockten die Kampfradler in verschwitzten Funktionshosen vor ihrer Apfelschorle und erzählten, was der Flaneur nicht hören will: „Heute nur eine kleine Tour gemacht – nur mal eben runter an den Bodensee und wieder hoch, leichte Steigung!“ Im Winter wurde man mit Ski-Möglichkeiten genervt: „Am Sonntag wieder im Montafon gewesen…“ Und wenn es ordentlich geschneit hatte, gab es keine Ausreden mehr, weil die Langlaufpiste quasi an unserem Haus vorbeiführte. Von diesen Provokationen bin ich jetzt zum Glück befreit. Die lieben Rheinwiesen sind fast nie verschneit und so was von flach, dass meine Schwester mich ohne Weiteres zu einem Spaziergang überreden kann. Wir schlendern dann mühelos durch die Wildenbruchstraße, kommentieren den Lifestyle der Jung-Oberkasseler, laufen ein wenig zwischen den Brücken über den Deich, lassen uns den Rheinwind um die Nase wehen (auf keiner Skipiste könnte das Gefühl frischer sein) und können jederzeit abbiegen, um in den Boutiquen der Luegallee die Handtaschenauswahl zu prüfen oder im Muggel ein Fischsüppchen zu kosten. Kein Kampfradler lässt sich da blicken – und wenn, ist er als Müßiggänger verkleidet. Kein Berg weit und breit. Ich bin am Ziel.

 

<< zurück
Artikel

Kunst

Wer bietet mehr? Die schicken People von der Kunstfront sind schon ganz erschöpft.
Die Macht des roten Mohns Der Mann aus dem Norden liebte die Blumen: „emporsprießend, blühend,
Die Kraft der Schatten Manchmal ist das Schicksal eines Künstlers so übermächtig, dass man erst einmal davon berichten muss.
Alle Artikel Kunst anzeigen

Literatur

Das Schicksal kann sich täuschen Sorry, ich habe den neuen Kehlmann erst gestern ausgelesen. Ein bisschen spät, ich weiß.
Liebe, Wahrheit, Freiheit und Krebssuppe Man könnte natürlich zum Eiffelturm fahren. Pardon, Madame, das ist nicht originell!
Weiße Feder gefunden Eigentlich traut man sich ja nicht, etwas Fieses über die Bücher von Paulo Coelho zu schreiben.
Alle Artikel Literatur anzeigen

Lebensart

Spieglein, Spieglein ... Hallo, Sie da, zeigen Sie sich mal! Die Zeiten der vornehmen Zurückhaltung sind passé.
Her mit der Glückstüte Irgendwann muss es ja geschehen sein. Ohne es zu bemerken,
Schluss mit hektisch So ein Samstag hat es in sich. Keiner muss ins Büro. Aber alle wissen, was sie zu tun haben:
Alle Artikel Lebensart anzeigen

Reise

Ostfriesisch herb Jeder hat so seine eigene Vorstellung von einer Insel. Wer unter Palmen träumen will, blumenbekränzt, der wäre auf Juist ganz fehl am Platze.
Madam braucht keine Schuhe Nachtfrost droht. Da kann man ja schlecht barfuß laufen.
Ganz schön aufgetakelt Diese Sportler denken immer nur an das Eine. „Kann ich denn da laufen“,
Alle Artikel Reise anzeigen

Glosse

Eher still Kürzlich beschwerte sich eine Leserin, dass wir an dieser Stelle immer nur über das Leben verheirateter Menschen zu berichten hätten.
Büroseufzer Sie ist so nett, unsere neue Technik. Sie lässt den Menschen nicht länger allein mit seinem Unvermögen.
Boutiquenzwang Es soll ja Frauen geben, die das Einkaufen hassen.
Alle Artikel Glosse anzeigen

Portrait

Das Mädchen und die Macker Werte Herren, entspannen Sie sich! Attacken auf Alice Schwarzer,
Auch die Kunst braucht einen Macher Er ist Schlossherr in Mochental. Dort, auf dem grünen Hügel bei Ehingen,
Immer nur lächeln Man kann die Geschichte des Hoteliers Hermann Bareiss nicht erzählen
Alle Artikel Portrait anzeigen